REIHE ESSEN & TRINKEN UNTERWEGS

Kolumbien-Urlaub auf den Spuren des Kaffees

Warum Tourismus, Kakao und Bier dem Anbau von Gourmetkaffee Konkurrenz machen

Text und Fotos: Rainer Heubeck

Kolumbien - Hacienda Bambusa

Auf den ersten Blick ist die Hacienda Bambusa eine Kaffeefinca, wie sie im Buche steht: Sie liegt im Herzen der Kaffeezone Kolumbiens, sie hat eine lange Kaffeeanbautradition, sie befindet sich genau auf der richtigen Höhe, die Region Armenia ist wasserreich – und Diego Montoya, der Besitzer der zur Hacienda gehörenden Ländereien, ist der Landwirtschaft überaus verbunden. Dazu kommt ein besonders Plus: Das Haupthaus der Hacienda ist offen für Touristen, die hier übernachten können und die das Anwesen auch besichtigen können. Guide Camilo García Escobar führt Gäste gerne durch das Anwesen, er zeigt dichte Bambuswälder und Anlagen, in denen Kakaopflanzen gekreuzt werden. Ein Stück weiter liegen Kakaobohnen auf einer hölzernen Vorrichtung und trocknen in der Sonne.

Kolumbien - Kakaobohnen trocknen in der Sonne

Kakaobohnen trocknen in der Sonne

Doch Moment einmal – wo ist hier eigentlich der Kaffee? „Kaffeeanbau lohnt sich nicht mehr, das ist kein gutes Geschäft mehr, deswegen hat der Inhaber vor einigen Jahren umgestellt, der hält nur noch Rinder und baut Kakao und Bananen an“, berichtet Escobar. Etwa 60 der 200 Hektar, die zur Farm gehören, sind mittlerweile mit Kakao bepflanzt, weitere 60 Hektar sollen folgen. Kakao ist auf dem Weltmarkt begehrt, allerdings auch sehr empfindlich gegen Sonnenlicht. „Die ersten Jahre überleben die jungen Pflanzen nur, weil sie im Schatten der Bananenbäume stehen“, berichtet unser Guide, der beim Rundgang über die Farm mit Fernglas und Laserpointer ausgestattet ist. „Huu, Huu“, ertönt plötzlich ein Vogelschrei – es dauert nicht lange, und Camilo entdeckt einen Falken, der recht gut getarnt auf einen Baum sitzt. Mit dem Laserpointer zeigt er, auf welchem Ast er den Vogel erspäht hat – doch dieser erhebt sich gleich darauf in die Lüfte. „Ich selbst habe schon über achtzig verschiedene Vogelarten hier auf dem Farmgelände gesehen“, versichert Camilo und führt uns zu einem dicht bewachsenen Bambuswald. „Bambus ist eigentlich kein Baum, sondern ein Gras, er wächst bis zu dreißig Zentimeter am Tag. Schon Alexander von Humboldt, der 1801 durch Kolumbien reiste, hat den Bambus erwähnt und beschrieben“, berichtet Camilo und zeigt uns den Guadua-Bambus, eine besonders dicke und hoch wachsende südamerikanische Bambusart. Die Nähe zur Natur, die Bananenstauden und Bambuswälder, machen den Aufenthalt auf der Hacienda Bambusa zum Erlebnis – auch ohne Kaffeesträucher. Wir genießen die grandiose Landschaft, die stilvoll eingerichteten Zimmer im renovierten Hacienda-Gebäude, das mit Kunstwerken von Santiago Montoya dekoriert ist, und die charmante Betreuung durch den argentinischen Manager. Doch die Frage, warum Kaffeeanbau in Kolumbien sich nicht mehr lohnt, beschäftigt mich weiter. Schließlich ist das Land der viertgrößte Kaffeeanbauer der Welt. Die Kaffeepflanze stammt zwar ursprünglich aus Äthiopien und wurde erstmals im Jemen kultiviert. Doch seit sie vor mehr als 200 Jahren von den französischen Antillen nach Kolumbien gebracht worden ist, hat sie in dem südamerikanischen Land ihren Siegeszug angetreten. Kolumbianischen Kaffee eilt der Ruf voraus, ein echter Gourmetkaffee zu sein, es wird nur Arabica angebaut, kein Robusta. Warum also gehen die Geschäfte dann so schlecht?

Kolumbien

Setzlinge werden bearbeitet

Am nächsten Tag besuchen wir eine Kaffeefinca, in der gerade geerntet wird. Die Arbeiter bringen ihren Tagesertrag in großen Plastiksäcken zur Waage. Die Kaffeepflücker sind größtenteils selbstständig, sie ziehen von Farm zu Farm – und wenn sie fleißig sind, ist ihr Einkommen durchaus akzeptabel. „400 Peso pro Kilo bezahlen wir, wenn sie geschickt und fleißig sind, können sie 100 Kilo pro Tag schaffen, sind das 40.000 Peso, knapp 12 Euro“, berichtet Hernando Ramirez Jaramillo, der Inhaber der Kaffeehacienda Genova. „Der gesetzliche Mindestlohn in Kolumbien liegt bei 600.000 Peso im Monat (rund 170 Euro), ein guter Kaffeepflücker kann zwei bis dreimal so viel verdienen“, erläutert der Geschäftsmann, der früher kolumbianischer Botschafter in Guatemala war. Er jammert nicht über das Kaffeegeschäft – doch als pensionierter Diplomat, der das Stadtleben satt hatte, könnte er den Kaffeeanbau durchaus auch als Hobby sehen. Dennoch betreibt er die Farm mit großem Ernst. „Wenn man eine Kaffeeplantage gut führt, dann lohnt sich der Anbau“, versichert er. Auf seiner Farm kann man sehen, wie Keimlinge in einen Bett aus Flusssand heranwachsen, wie sie später in eine Tüte voll guter Erde kommen und nach 90 bis 110 Tagen ausgesetzt werden. Danach dauert es noch bis zu zwei Jahren, bis erstmals geerntet wird. Hier, in der Nähe der Stadt Pereira, liegen die Haupterntezeiten für Kaffee im Mai und Juni sowie in der Zeit von August bis November. Während der großen Ernte von August bis November beschäftigt Jaramillo, der auf vierzig Hektar Land Kaffee anbaut, bis zu siebzig Pflücker, so genannte Recolectores. Hernando Ramirez Jaramillo empfängt auf seiner Farm gerne Besuchergruppen, so wie weit mehr als 100 Kaffeehaciendas in der Zona Cafetera, viele davon bieten auch Übernachtungsmöglichkeiten.

Kolumbien - Kaffeebohnen

Kaffeekirschen

Der pensionierte Diplomat zeigt uns stolz seine Biokompostierungsanlage, in der rote kalifornische Regenwürmer die Reste aus der Kaffeeproduktion sowie Abfälle einer nahe gelegenen Champignonzucht in Humus und wertvollen Dünger verwandeln. Wie der Kaffee angeliefert und wie die bräunlichen Kaffeekirschen in mehreren Stufen gereinigt und von den Schalen befreit werden, auch das ist bei einem Besuch der Hacienda Genova, die eine über 100-jährige Tradition hat, zu sehen. Nachdem das Fruchtfleisch abgequetscht ist, kommen die Bohnen mitsamt den Fruchtfleischresten in einen Fermentationstank, durch die Gärung erhält der Kaffee noch zusätzliches Aroma. Geröstet freilich werden die Kaffeebohnen, die anschließend noch getrocknet werden, nicht in Kolumbien, sondern erst in dem Land, in dem sie später konsumiert werden.

Kolumbien - Kaffeekirsche werden gereinigt

Kaffeekirschen werden gereinigt

Während die Kaffeeverarbeitung auf der Hacienda Genova eher zweckmäßig und unspektakulär erscheint, erlebt man auf der Hacienda La Victoria in der Sierra Nevada de Santa Marta, einem Küstengebirge, das nicht weit vom Tayrona Nationalpark entfernt ist, quasi eine Art lebendiges Fabrikmuseum. „Unsere Maschinen sind rund 120 Jahre alt, unsere Kaffeewaschanlagen arbeiten nur durch den natürlichen Wasserdruck, völlig ohne Pumpen“, sagt Micky Weber. Er ist Plantagenbesitzer mit Leib und Seele und wohnt auch selbst auf dem Gelände seiner Hacienda. Im Nassbereich, so erläutert er, wird der Kaffee klassifiziert – durch abschwemmen werden die leichten von den schwereren Bohnen getrennt. „Wir haben drei verschiedene Qualitäten, je schwerer die Bohnen sind, desto besser ist der Kaffee.“

Kolumbien

Teil der Kaffeewaschanlagen

Micky Weber hat die Kaffeeplantage, die sich etliche Kilometer außerhalb des Bergdorfes Minca befindet, von seinen Eltern übernommen. Diese hatten die Plantage im Jahr 1950, damals war Micky, der in der Nähe von Hamburg geboren ist, gerade vier Jahre alt, von englischen Vorbesitzern übernommen. Es dauerte knapp zwanzig Jahre, bis sie das 700 Hektar große Anwesen endgültig abbezahlt hatten. „Ich habe dieses Stück Erde von Kindesbeinen an geliebt und als kleiner Junge hier Tarzan gespielt“, erinnert sich Micky Weber, der im Alter von elf Jahren zurück nach Deutschland ging, dort ein Internat besuchte und eine Ausbildung als Exportkaufmann und als Handelskorrespondent absolvierte. Später lebte er in Mexiko, war dort geschäftlich erfolgreich – und er rettete die Plantage seiner Eltern Ende der 70er Jahr mit dem Geld, das er in Mexiko in der Grafikbranche verdient hatte. Damals stand der landwirtschaftliche Betrieb mit dem Rücken zur Wand.

Kolumbien - Kaffeeverarbeitung

Mittlerweile hat sich die wirtschaftliche Situation konsolidiert, doch ein echtes Geschäft ist mit Kaffee nicht mehr zu machen, berichtet Weber. Derzeit baut er auf etwa 180 Hektar Kaffee an – die Ernte schwankt stark, je nach Witterung. In guten Jahren können es 120 Tonnen sein, in schlechten Jahren erntet er nur 50 Tonnen. Dazu kommt: Der Markt für Kaffee ist überaus schwierig geworden ist, und das weltweit, nicht nur in Kolumbien. Der Preis für den Kaffee wird an internationalen Börsen festgelegt, die Bauern können nie im Vorab kalkulieren, was ihnen die Ernte einbringen wird. „Kaffee trägt sich nicht mehr, er ist im Anbau zu teuer, die Anbaukosten liegen in der Regel höher als der Ertrag. Wer heute noch Kaffee anbaut, der muss entweder ein Riesen-Idiot sein oder ein Riesen-Idealist“, erklärt Weber.

Kolumbien - Kaffeeanbau

Auf seiner Hacienda, die äußerst sehenswert ist und die in den vergangenen zwei Jahren mehr als 20.000 Tagesgäste empfangen hat, setzt er deshalb auf Diversifizierung: er baut Gemüse an für Gasthäuser und Hotels, er ist dabei, eine Anlage für 12.000 Legehennen aufzubauen, für die er auch das Futter anbauen will, er plant Öko-Unterkünfte für Touristen direkt auf seinem Grundstück – und er hat Jonas Kohberger nach Minca geholt, einen Bierbrauer aus Oberbayern, der mitten auf der historischen Hacienda La Victoria eine kleine Brauerei eingerichtet hat, die streng nach dem deutschen Reinheitsgebot arbeitet und Malz aus Bamberg verwendet. Denn der Raum Minca sowie der Tayrona Nationalpark und die Orte Taganga und Santa Marta erwachen immer mehr aus ihrem touristischen Dornröschenschlaf – die Gastronomie entwickelt sich, und die Nachfrage nach „Crafts Beer“, das sich von den gängigen Fabrikbieren unterscheidet, steigt.

Kolumbien - Bierzapfen in der Brauerei

Bierzapfen in der Brauerei

Der Bürgerkrieg in Kolumbien, der Kampf zwischen Guerillas und Paramilitärs, meist verbunden mit der Frage, wer den Drogenanabau kontrolliert, ist hier in der Region inzwischen kein Thema mehr. Im Jahr 2002 war das noch ganz anders. „Als ich aus Mexiko hierhergekommen bin, um die Finca meiner verstorbenen Eltern zu übernehmen, traf ich eine Gruppe von schwerbewaffneten Paramilitärs auf meiner Veranda. Sie wollten, dass ich die Farm an einen Strohmann übertrage und so in ihre Kontrolle bringe“, erinnert sich Micky Weber. Doch Weber reagierte unerschrocken und stellte sich quer, gewann das Vertrauen der Paramilitärs, und bekam schließlich sogar die Erlaubnis, die auch damals in wirtschaftlichen Schwierigkeiten befindliche Plantage weiter zu betreiben. Es dauerte vier Jahre, bis der Spuk ganz vorbei war – denn erst im Jahr 2006 wurden die Paramilitärs, die Weber vier Jahre lang immer wieder aufsuchten, endgültig demobilisiert.

Kolumbien - Micky Weber mit seiner Frau Claudia

Micky Weber mit seiner Frau Claudia

Heute ist Micky Weber, der zusammen mit seiner Frau Claudia in einem Haus lebt, das von Bananen-, Orangen- und Mangobäumen umgeben ist, in der Region beliebt und anerkannt, er initiiert Sozialprojekte und er lässt etwa sechzig Arbeiterinnen und Arbeiter bzw. deren Angehörige mietfrei auf seinem Anwesen wohnen, organisiert für die Kinder eine Schule, die den Kleinen sogar einen Internet-Anschluss bietet. Aktivitäten, die sich natürlich nicht rechnen, die er aber aufrechterhalten will, ebenso wie die Kaffeeproduktion. Und das schon aus Familientradition, sein Vater und seine Mutter sind schließlich direkt auf dem Gelände der Plantage begraben. Zudem, davon ist er überzeugt, gehört die über 120 Jahre alte Hacienda La Victoria ganz einfach zur kolumbianischen Kaffeegeschichte. Und wer weiß, vielleicht schreibt „La Victoria“ ja bald schon kolumbianische Bier-Geschichte.

Kolumbien - Kaffeebohnen im Jutesack

Kaffeebohnen werden abgefüllt

 

Reisemagazin schwarzaufweiss

 

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