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Ausstellungen in Drachten (Deurne) / Groningen / Zwolle / Enschede

Drachten
Museum Dr8888

Vrouwenpalet 1900-1950, haar kunst, haar verhaal bis 11. September 2022

Deurne:
Museum De Weiger
Vrouwenpalet 1900-1950, haar kunst, haar verhaal 20. September bis 20. November 2022

Aufgrund einer besonderen Ausstellungsstruktur unter Beteiligung von zwei Museen sind jeweils 12 von 24 Künstlerinnen in dem einen und dann in dem anderen Haus mit ihrem künstlerischen Schaffen in der Zeit von 1900 bis 1950 präsent. Das Museum Dr8888 (Drachten) und das Museum De Wieger (Deurne) tauschen die jeweiligen Exponate Mitte September aus, sodass zwischen dem 12. und dem 19. September beide Häuser wegen Ausstellungsumbau geschlossen bleiben.

lofoten

Edith van Leckwyck: Trockenfische auf den Lofoten, 1933, Sammlung Rijksdient voor het Cultureel Erfgoed, Amersfoort


Gezeigt werden in den jeweiligen Häusern folgende Künstlerinnen mit ihrem Kunstwerken: Anna Sluijter (1866-1931), Jo Koster (1868/1869-1944), Mies Elout-Drabbe (1875-1956), Jacoba van Heemskerck (1876-1923), Adya van Rees-Dutilh (1876-1959), Else Berg (1877-1942), Elisabeth Stoffers (1881-1971), Edle Alma-Saxlund (1886-1980), Alida Pott (1888-1931). Pau Wijnman (1889-1930), Rebecca van Gelder (1891-1945), Charley Toorop (1891-1955), Hanny Korevaar (1893-1983), Greet Feuerstein (1893-1986), Lou Loeber (1894-1983), Charlotte van Pallandt (1898-1997). Nola Hatterman (1899-1984), Edith van Leckwyck (1899-1987), Jemmy van Hoboken (1900-1962), Anneke van der Feer (1902-1956), Anne Marie Blaupot ten Cate (1902-2002), Karin Leyden (1906-1977), Frieda Hunziker (1908-1966) und Lotti van der Gaag (1923-1999). Die im Text fett hervorgehobenen Künstlerinnen sind zunächst in Drachten zu sehen gewesen.

ausstellungsansicht

Ausstellungsansicht mit Besucherin vor der Arbeit von Rebecca van Gelder: Die gute Partie, Privatsammlung


Zu all diesen Künstlerinnen finden sich in der Ausstellungen kurze Biografien (in Niederländisch!), Ein Podcast/Audioguide, der beim Rundgang an bestimmten Stellen zu aktivieren ist, ist allerdings auch in Deutsch erhältlich, sodass diejenigen, denen Niederländisch fremd ist, die Künstlerinnen näher kennen lernen können. Für einige gilt, was so frauenspezifisch ist, dass sie ihre künstlerische Karriere aufgegeben haben, als sie geheiratet und Kinder geboren hatten. Die meisten der oben genannten sind in Deutschland meines Wissens nach noch nie zu sehen gewesen. Eine Ausnahme bildet das Werk von Jacoba van Heemskerck deren Arbeiten jüngst in der Kunsthalle Bielefeld und im Kunsthaus Stade gezeigt wurden.

abstrakt

Interessierte Besucherin vor:
Pau Wijnman: Komposition, 1017., Sammlung Fransen, Amsterdam


Beginnen wir mit einem Blick auf die Werke von Mies Elout-Drabbe: Im Stil des Pointilismus gestaltete die Künstlerin einen grauen Tag, der aufgrund der tanzenden Bildpunkte die Schwere eines grauen Tages verliert. Die Punkt für Punkt gemalten Blätter der Bäume zeigen sich in herbstlichen Verfärbungen. Der Himmel scheint auch in zartem Rosa und Blau zu flirren, untypisch für einen grauen Tag. Stilistisch gänzlich anders ist der Malduktus des Gemäldes „Der Ibis“. Dieser erscheint skulptiert, aus Granit gemeißelt, verwachsen mit der Umgebung. Eher flächig ist dabei die Malanlage. Die Farbnuancen bewegen sich in Grautönen, wenn nicht gar in Anthrazit. Ein wenig an Bargheers Ansichten von Elbe und Nordsee bei Niedrigwasser erinnert die Arbeit „Gefrorenes Meer“. Horizontal und strichig ist der Himmel ausgeführt worden. Dabei verwischen Blau- und helle Rottöne. Das Meer ächzt unter der Eislast. Selbst eine Buhne ist mit dickem Eis bedeckt. Zudem sehen wir schwimmende Eisplatten und denken an unsere aktuellen Winter, die eben keinen Eisgang mehr zulassen, wie ihn einst Caspar David Friedrich auf die Leinwand zauberte. Und auch die Winteransicht von Elout-Drabbe ist eine Reminiszenz der Vergangenheit, dank Klimawandels.

geist

Interessierte Besucherin vor: "Freier Geist" von Adya van Rees-Dutilh aus der Sammlung Kunstmuseum Den Haag


Pau Wijnman hingegen ist mit zwei abstrakten, wenn auch organisch inspirierten Kompositionen in der Ausstellung präsent. Bei ihrer Komposition von 1917 meint man, man schaue in eine Höhle, deren Eingang von rotem Gestein gerahmt wird. Der Betrachter könnte beim Anblick auch an achtlos hingeworfene und gestapelte Textilien denken. Den freien Geist beschwört Adya van Rees-Dutilh künstlerisch. Beim Betrachten ihrer Arbeit zum Thema können wir ein männliches Porträt erkennen, das segmentiert ist. Die einzelnen Segmente gleichen breiten Schleifen. Sind diese nicht als Umlaufbahnen des Geistes zu verstehen? Die Künstlerin entführt uns in einem weiteren Gemälde an die Küste der Nordsee, nach De Panne, so hat es den Anschein. Wir sehen einen Strandwagen mit der Aufschrift „Chez Remy La Panne“. Hinter dem Wagen schaut ein Pferd neugierig hervor. Der Wagen steht im tiefen Sand des Strandes, auf dem auch ein Schiff angelandet ist. Was gibt es denn bei Remy? Muscheln oder gar Fritten? Oder dient der Strandwagen zum Umkleiden, bevor man sich in die kalten Fluten stürzt? Doch angesichts der grauen Gewitterwolken ist dies wohl keine gute Idee. Dass Adya van Rees-Dutilh die DADA-Bewegung wohl nicht fremd war, unterstreicht sie mit einer Collage, in der wir Begriffe wie Cacao, Holland und Haar Lem in Versalien gesetzt sehen. Hat da etwa Kurt Schwitters Pate gestanden?

 

kinder

Interessierte Besucherin betrachtet Anne Marie Blaupotten Ten Cate: Mädchen auf der Straße, Sammlung Singer Laren


Etwas herausgehoben ist das Selbstbildnis von Lou Loeber platziert worden. Dieses ist als Aufmacher für die überaus interessante Ausstellung anzusehen. Doch die Künstlerin überzeugt auch mit symbolistisch aufgeladenen Landschaften wie wir sie in Teilen auch bei dem belgischen Maler Leon Spilliaert finden können. Zu den ausgestellten Arbeiten gehören „Mühlen“ und „Pier“. Beide Gemälde weisen auch Elemente des prismatischen Blicks von Lionel Feininger auf, oder?

 

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Hanny Korevaar neben "Frau in der Stadt", ca. 1925 bis 30, Aufnahme von Armand Bouten in der Pariser Wohnung des Paares Korevaar/Bouten in Paris, Niederl. Institut f. Kunstgeschichte, Den Haag


In gedeckten Farben gehalten ist das Stillleben von Anne Marie Blaupot ten Cate. Vereint sind die Gegenstände wie Schale, Flasche mit Korkkorken und Sessel trotz verschiedener Sichtebenen auf diese Teile des Stilllebens. Aus großen Rehaugen schaut die Künstlerin auf den Betrachter. Streng zu einem Knoten gebunden ist ihr Haar. Irgendwie verrät der Blick und die Mimik eine gewisse Skepsis, oder? Und um wen handelt es sich bei dem „Mädchen auf der Straße“, das von den Antillen zu kommen scheint? Prostituiert sie sich, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen? Sind die grobschlächtigen Männer in Klompen ihre möglichen Freier? Übrigens die Szenerie, auch die „tanzenden Häuser“ in der Straße sind in gedämpftes Blaugrau getaucht. Ist das ein Hinweis auf die hereinbrechende Nacht? Neusachlich ist das Porträt von zwei Frauen, das auch von Blaupot ten Cate stammt. Pastell ist die Farbsetzung der Arbeit aus dem Jahr 1926. Etwas aus dem Kanon der gezeigten Werke fällt ein Landschaftsgemälde, dass die Lofoten in die Niederlande holt. Es sind nicht nur die aus dem Meer sich erhebenden Felsen, die gleichsam knietief im Wasser stehen, sondern auch Vorrichtungen für das Trocknen von Fisch, einst ein einträgliches Geschäft durch den Verkauf von Stockfisch.

 

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Auch das Werk sorgt für Aufmerksamkeit: Hanny Korevaar: Dames van Plezier, ca. 1920, Privatsammlung


Steril wirken die drei Gasometer, die Edith van Leckwyck in einem Gemälde verewigt hat. Menschen sucht man im Umfeld der Gasbehälter mit ihren Gerippe-Strukturen vergeblich. Irgendwie denkt man beim Anblick der Arbeit an den Bau von Modellen für Spielzeugeisenbahnen. Mit ihren Reizen geizt der Rotschopf nicht, den Hanny Korevaar in aufreizender Haltung und mit riesigen schwarzen Augen malerisch in Szene gesetzt hat. Der rote Vorhang ist aufgezogen worden. Eine Katze wirft einen neugierigen Blick. Sind wir im Rotlichtmilieu, wo sich die Damen am Fenster für die männlichen Kunden zur Schau stellen? Zwischen Bühneninszenierung und surrealistischen Welten ist das Werk „Düstere Gedanken“ anzusiedeln. Ins Nirgendwo führt ein Schienenstrang. Im Vordergrund ist eine Nixe im Gleisbett gestrandet. Eine weiße Katze hat sich zur Nixe gesellt, deren Körper krugförmig ausgebildet ist,

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Aus der Nähe betrachtet: Charley Toorop : Selbstporträt mit den Söhnen Edgar und John, 1918, Sammlung Museum Kranenburgh, Bergen


Beim Rundgang durch die sehenswerte Ausstellung, die vielfach ein Augenöffner über die Brillanz von Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts ist, stoßen wir auch auf drei Damen, die Lustbefriedigung versprechen. Im Hintergrund steht wohl die Puffmutter. Gräulich ist ihr Gesicht. Die Lippen sind zusammengekniffen. Das graublaue Kleid, das sie trägt ist hoch geschlossen. Die rothaarige Dame vor ihr geizt nicht mit ihren weiblichen Reizen, umfasst ihre eine volle Brust mit ihrer einen Hand so, als wolle sie sagen: „Seht her und es gibt noch mehr!“ Die dritte im Bunde zeigt ihren Schmollmund und ist ansonsten dünn. So gibt es für jeden Geschmack etwas, oder? „Dames van plezier“ ist im Übrigen der Originaltitel der Arbeit.

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Cobra oder was - das fragt sich die Betrachterin von Frieda Hunziker Rood-Bruin (Rot-Braun), 1955, Privatsammlung


Charley Toorop ist eine weitere Künstlerin, der wir beim Ausstellungsbesuch begegnen. Ähnlich wie Beckmann fasst sie ihre Figuren mittels schwarzen Konturen, so auch den „Lesenden Jungen“. Einer Sozialstudie kommt das Gemälde „Arbeiterfrau mit zwei Kindern“ gleich. Und auch ihre eigene Familie hat Toorop porträtiert. Sie war eine der wenigen Malerinnen, die ihre Karriere nicht für die Mutterschaft aufgegeben hat. Betrachten wir das Selbstbildnis mit Apfel von Rebecca van Gelder, so gibt es eine ikonografische Ähnlichkeit mit den Selbstbildnissen von Elfriede Lohse-Wächtler. Das betrifft die Haltung, die Frisur und auch die fehlenden Attitüden. Gekannt haben dürften sich beide Künstlerinnen wohl kaum. Dix und Grosz hätten es nicht besser auf den Punkt bringen können, wie dies van Gelder getan hat, als sie „Die gute Partie“ konzipierte. In den Logen sitzen die Herrschaften der betuchten Gesellschaft. Da findet sich auch ein androgyner Mann neben einer „Drag-Queen“ im grünen Kleid. Eltern haben ihre Tochter mitgenommen, die sie gleichsam anpreisen. Und ein „lüsterner Herr“ wirft begehrliche Blick auf das junge Ding. Die Dekadenz der sogenannten Goldenen 20er Jahre lässt grüßen, oder?

 

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Und was ist das - denkt die Besucherin angesichts von Charlotte van Pallandt: Frauentorso, 1930, Sammlung Museum De Wieger

Und noch ein Wort zu Frieda Hunziker. Die Abstraktion und der prismatische Blick zeichnen sie bei ihrem Gemälde “Komposition Schiffe“ aus. Könnte man in dieser in Rotstufen gehaltenen Arbeit nicht auch Dachlandschaften sehen? Mit dem Gemälde „Rot-Braun“ scheinen wir in der Welt von CoBrA angekommen zu sein, in einer Welt des Abstrakten, der Farben und der Albträume, also in der Welt der Geister. Diese starren uns auch in dem genannten Gemälde aus großen Augen an, oder? Die aus Berlin stammende und in die USA ausgewanderte Karin Leyden präsentiert das Porträt von Gloria Vanderbilt, einer Ikone der New Yorker Gesellschaft. Surreal ist das Ambiente rund um die Porträtierte, hier ein Putto, dort riesige Schmetterlinge, eine abgebrochene Säule mit grünem Stoff umhüllt und eine Gebirgslandschaft im Hintergrund. Gibt es nicht auch Zeichen auf die Vergänglichkeit betrachtet man die Säule, auf die sich die Porträtierte stützt?

Zu den anerkannten Bildhauerinnen des 20. Jahrhunderts gehört Charlotte van Pallandt, deren bronzene Kopfbüste von 1929 zu sehen ist. Außerdem zeigt man einen aus Granit herausgearbeiteten Kopf, Untertitel Josefa und einen golden glänzenden Frauentorso, der auch aus der Hand von van Pallandt stammt. Van Pallandt ist auch in der Ausstellung eine Ausnahme, zeigt man doch vor allem Malerinnen, aber keine weitere Bildhauerin!!!

© text und fotos ferdinand Dupuis-panther Die Urheberrechte der Werke liegen bei den Künstlerinnen bzw. deren Rechtenachfolgern

Info
Museum Dr8888
https://museumdrachten.nl
Museum de Wieger
https://www.museum.nl/de/museum-de-wieger
https://dewieger.nl
https://vrouwenpalet.nl






 

 

 

 

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