DAS PORTAL DEUTSCHSPRACHIGER REISEJOURNALISTEN


Ausstellungen in Groningen / Zwolle / Enschede

Enschede
Rijksmuseum Twenthe

Marinetti und der Futurisme: Manifest für eine Neue Welt
bis 19. Februar 2023


Am 20. Februar 1909 läutete der Italienische Dichter Filippo Tommaso Marinetti mit seinem futuristischen Manifest im Le Figaro eine neue Zeitrechnung in der bildenden Kunst ein. Dieses Manifest beschwört die Zukunft, den Aktionismus, die Aggressivität und die Dynamik sowie Schnelligkeit. Diese „begrifflichen Formeln“ sprachen eine Garde junger Künstler an. In den drei Jahrzehnten, die auf das Manifest folgten, ging es um eine radikale neue Zukunft, die nach einer neuer Bildsprache rief.

depero

Fortunato Depero, The gondolier, 1924, Archivio Depero, Rovereto

 

Schon die Ausstellungspräsentation ist ein Hingucker. Der White Cube hat ausgedient. Statt dessen finden sich an den Wänden der Ausstellungsräume Zitat-Fragmente. Die Wortsplitter werden durch Bildsplitter ergänzt. Zu Beginn begegnet der Museumsbesucher adrett gekleideten Herren, einige rauchend in die Kameralinse schauend. Das sind Filippo Tommaso Emilio Marinetti und seine „Glaubensbrüder“, die die neue Welt und den Futurismus verkünden. Beim Besuch werden wir mit Themen aus den unterschiedlichen Manifesten der Futuristen ebenso konfrontiert wie mit dem Ersten und Zweiten Weltkrieg, einschließlich der Befreiung des Duce durch deutsche Soldaten aus der Haft im Campo Imperatore. Thematisiert werden in der überaus sehenswerten Ausstellung u.a. Geschwindigkeit, Licht sowie neue Perspektive dank Luftfahrt. Dazu gibt es prägnante kurze Saaltexte in Niederländisch und Englisch.

 

ausst1

Ausstellungsansicht foto fdp2022

Zu den ersten Werken, die dem Besucher ins Auge springen, gehört Giacomo Ballas „Pessimismus und Optimismus“. Es ist eine abstrakte Arbeit, die auf der einen Seite in Gestalt von spitzen, „blitzartigen“, spitzen Dreiecken wohl den Pessimismus und in organisch, runden Formen den Optimismus zeigt. Was sich bereits in dieser Arbeit zeigt, das ist die Manifestation von Gewalt, von Umbruch, von Aufruhr, von Aggression. Nur mit diesen Mitteln sahen die italienischen Futuristen eine Chance der Veränderung der sozialen Ordnung. Wenn man sich die Herren Futuristen auf diversen Großfotos anschaut, die gleichsam als Projektionsflächen für die Originalwerke genutzt werden, dann fragt man sich allerdings, gegen wen sich diese Herren auflehnen. Gegen die satte Mittelschicht, der sie selbst entstammen? Gegen das Establishment, dem sie eigentlich zuzurechnen sind? Oder sind sie einfach wild gewordene Kleinbürger, die die Revolution entfachen wollen?

ausst2

Blick in einen der Ausstellungssäle u. a. mit Werken Ballas foto fdp2022

 

Welche Positionen die Futuristen hatten, unterstreicht das erste Manifest, das 1909 im Le Figaro veröffentlicht wurde! Leider wird in der Ausstellung nicht ausführlich daraus zitiert. Auch die Seiten des ausgestellten „Futuristischen Kochbuchs“ werden für die Besucher nicht aufgeschlagen. Wir müssen uns bezüglich der Kochkünste der selbst ernannten Avantgarde mit dem Hinweis auf Pastaverzicht zufrieden geben. Und wer war der Mann, der geistiger Vater dieses Manifests war? Es war Filippo Tommaso Emilio Marinetti, der von einer Schülerin Ballas porträtiert wurde, der tschechischen Künstlerin Rougina Zatkova. In Schwarznuancen malte sie ein Porträt, das sich gleichsam aus den Wellen des Meeres erhebt, so könnte man beim Betrachten meinen.

zatkova

Rougena Zatkova, Portret of Marinetti, 1915-1921, Marinetti's Heirs collection, Milan


In den Anfängen der Bewegung – die Futuristen verstanden sich als solche – blieb das Manifest Marinettis nicht das Einzige. 1910 wurde das Manifest zur futurischen Malerei veröffentlicht, das aus der Feder Gino Severinis stammt.

Lassen wir das einmal beiseite und widmen uns weiteren ausgestellten Arbeiten: In den Anfängen des Futurismus war die abstrakte Malerei ebenso en vogue wie die bildliche Darstellung von Geschwindigkeit und Licht. Doch auch eine Form des Expressionismus findet sich unter anderem im Frauenporträt, das von Umberto Boccioni geschaffen wurde. Nein, Punktmalerei ist dies nicht, sondern eine Malerei, die mit feinen Strichen Farbsetzungen vornimmt. Dabei sind diese in der Gestaltung durchaus als gefühlte Farben anzusehen, wie wir sie auch bei den Mitgliedern der Brücke finden.

balla

Giacomo Balla, Dynamic Expansion + speed, ca. 1913,
Galleria Nazionale d'Arte Moderna, Roma


Zwischen den Gemälden und skulpturalen Arbeiten finden sich eingebettet immer wieder Wortschnipsel wie „Wir wollen die aggressive Bewegung verherrlichen“. Das geschah bei den italienischen Futuristen mit Mitteln der bildenden Kunst. Im Falle von Balla unter anderem im „Doppelgemälde“ mit den Titeln „Interventionistische Demonstration“/“Jungfräulichkeit“: Wir sehen auf der Vorderseiten eine abstrakte Komposition mit zwei sich schneidenden Ovalen und auf der Rückseite eine halbliegende Frauengestalt in einem transparenten rosa Unterkleid. Welch ein Kontrast! Schwarze Kreisfragmente mit „Wellensaum“ sind ebenso Teil der abstrakten Komposition wie sichelförmige und schlaufenartige Gebilde. Ins Auge springt die Arbeit „Frau + Licht + Umgebung“ von Enrico Prampolini. Dabei ist ein geometrisierter Frauenkörper, bei dem nur eine Gesichtshälfte ausgestaltet ist, umgeben von einer „abstrakten Aura“. Erdfarben und Sandfarben treffen dabei auf unterschiedliche Gelbnuancen. Man könnte von einem diffusen Spotlight reden, das auf die „Maschinenfrau“ gerichtet ist, die teilweise wie eine Gliederpuppe ausschaut und an ähnliche Darstellungen von Oskar Schlemmer denken lässt. Darüber hinaus finden sich Architekturfragmente am Rande der Darstellung, vor allem Wände mit schwarzen Fensteröffnungen.

 

ausst3

Besucherin vor der Arbeit "Interventionistische Demonstration"/"Jungfräulichkeit": foto fdp2022


Die Geschwindigkeit in Zweidimensionalität hat Balla mit „Dynamische Expansion und Geschwindigkeit“ eingefangen. Er griff dabei auf Kreissegmente zurück, die sich schuppig überlappen. Zudem fügte er hier und da noch unvollständige Voluten ein. Reihen von spitzen Dreiecken, die wie Reihen von scharfen Haizähnen ausschauen, fügte Ball in einem Kleinformat zu einer Art „Irisierung“ zusammen. Getupft ist der Farbauftrag in Boccionis „Pferd, Reiter, Gebäude“. Dabei scheint der Rupfen der Leinwand teilweise durch. Die in die Szene eingefügten Gebäude sind gleichsam aus dem Bild bzw. den Achsen gefallen, derweil der Reiter im schnellen Galopp an diesen vorbeiprescht. Boccioni ist in der sehr sehenswerten und umsichtig sowie sehr animierend gestalteten Schau mit einer skulpturalen Arbeit einer „Flammenfigur“ präsent. Diese schreitet raumgreifend voran und lässt an Barlachs „Berserker“ denken, oder?

Wenden wir uns von den Gemälden ab, so entdecken wir Satzschnipsel wie „Der Salto mortale“, „ Die Ohrfeige“ und „Der Faustschlag“ – wohl auch dem Urmanifest der Futuristen entnommen, die sich so als durchaus gewaltaffin zeigten. Sie waren auch Propagandisten in eigener Sache, nicht nur verbal und in ihrer Bildsprache, sondern auch ihrer Geräuschmusik. Einer der verwendeten Geräuschtrichter mit Kurbel ist in der Schau ebenso zu sehen wie ein Notenblatt für Lärmmusik.

 

boccioni

Umberto Boccioni, Plastic dynamism horse + houses, 1914, The Estorick Collection, London.

Eingesetzt wurden diese Geräuschmaschinen als Teil von „Agit-Prop-Theater“ im futuristischen Sinne. Das zelebrierte Theater diente dazu, die Massen für sich zu begeistern und zu gewinnen. Dass derartige Straßenaktionen auch mal in Raufereien mit anschließendem Gefängnisaufenthalt endeten, sei an dieser Stelle kurz erwähnt. Übrigens, in einer Schwarzweißaufnahme sehen wir den Aufbau der Instrumente für die Geräuschmusik, die sich Luigi Russolo 1916 ausgedacht hat. Von heutiger atonaler und Neuer Musik scheint das nicht weit entfernt zu sein, oder?

Jules Schmalzigaug gehörte, obgleich ein Belgier, auch zu den italienischen Futuristen und war, so ist zu erfahren, vor allem von Gino Severini inspiriert. 1912 sah der belgische Künstler Arbeiten Severinis in Paris und war von dessen Tanzenden so beeindruckt, dass er selbst eine Tanzszene in einer Bar gestaltete. Beim Betrachten dieser Arbeit hat von allerdings eher den Eindruck, die Tänzerin bewege sich in einer Zirkusmanege. Eine Tanzende von Severini ist in unmittelbarer Nähe zu Schmalzigaugs Arbeit gehängt worden. Zudem kann man den einzig erhaltenen Film der Futuristen in der Schau bewundern. Es handelt sich dabei um eine avantgardistische Tanzszene. Bei Severinis Tänzer muss man an Léger und dessen Adaptationen der industriellen Maschinenwelt in die bildende Kunst denken.


auto

Roberto Marcello Baldessari auto+rase+city,1917 foto fdp2022


Dass die Futuristen dem Krieg eine reinigende Kraft als Chance für den Neubeginn zugeschrieben haben, wird in der Ausstellung gestreift. In diesem Kontext sei aber auch erwähnt, dass sich in den schriftlichen Zeugnissen von Ernst Barlach ähnliche Gedanken finden lassen. Wie sehr die Futuristen „kriegsbesessen“ waren unterstreicht, dass 13 von ihnen in den Ersten Weltkrieg zogen. Einige kehrte allerdings auch nicht mehr nach Italien zurück, sondern starben auf den Schlachtfeldern. Das ist ähnlich wie das Schicksal deutscher Maler der klassischen Moderne. Die Kriegsbegeisterung manifestiert sich in Arbeiten Ballas wie „Gewehrschuss am Sonntag“ und einem entsprechenden 1914 veröffentlichten Manifest. Artilleriegeschosse in scheinbar poetische Zeilen setzte Filippo Tommaso Marinetti in „Zang Tumb Tumb“ um. Daraus werden Zitate in einem der Ausstellungssäle eingespielt. Ein „Klanggedicht“ füllt so den Raum. Russolo hingegen lässt uns den Granatenregen bildhaft spüren. Dabei schlägt feuerroter, sichelförmiger Geschossregen in die dunkle Hügellandschaft ein, derweil der Himmel außerdem von lichthellen Zickzackformen durchzogen ist. Und für die Futuristen ist klar, so in der Schau nachzulesen: „Wir wollen den Krieg verherrlichen.“

 

skulptur

Renato di Bossi: Stürzender Fallschirmspringer, 1945, foto fdp3033


Noch etwas einte die Futuristen neben dem Kriegseifer nämlich die Verherrlichung der Maschinenästhetik. Im Gegensatz zu Chaplins „Modern Times“ sahen die Futuristen nicht die Abhängigkeit von der Maschinenwelt, die den Menschen zum Anhängsel der Maschinerie und der Taktgebung der Maschine degradiert. Das Hohelied des Maschinenzeitalters wurde besungen. So erscheint der Gondoliere von Fortunato Depero als Pfeife rauchender Maschinenmann in einer sichelförmigen Gondel, die über sichelförmige Wellen gleitet.

Ein eigenes Kapitel widmet die Ausstellung dem Perspektivenwechsel durch das Aufkommen der Luftfahrt. Dabei ergeben sich Blicke aus der gläsernen Kanzel auf die Stadt, so in einer Arbeit, die einen Sturzflug ins Häusermeer zeigt und von Tullio Crali stammt. Ähnlich wie der Geschwindigkeitsrausch, der in schnellen Raketenautos gesehen wurde, so sollte auch die fortschreitende Luftfahrt die Überlegenheit des faschistischen Italien zeigen. Zu keinem anderen Zweck wurde großformatig für eine Atlantiküberquerung per Flugzeug von Rom nach Chicago und zurück geworben. Längst hatten sich in Italien die Schwarzhemden und Mussolini durchgesetzt, treu verbündet mit dem Führer in der Berliner Reichskanzlei und nicht an Futurismus, sondern an der Wiederauferstehung des antiken Roms interessiert.

 

cruli

Tullio Crali, Nosedive on the city, 1938, Private Collection


Der Aufstieg der Schwarzhemden und die Machtübernahme der Faschisten wird in der Ausstellung nur angerissen. Ein wenig aufgesetzt und so gar nicht eingebettet erscheint am Ende der Schau Filmmaterial aus dem Bundesarchiv der Bundesrepublik Deutschland. Darin geht es um die „Befreiung“ des inhaftierten Duce durch SS-Einheiten und Fallschirmjäger aus dem Hotel Campo Imperatore in den Abruzzen. Nachfolgend besuchte Mussolini dann Hitler in Berlin. Die Aktion ist in die Geschichte unter dem Stichwort Unternehmen Eiche eingegangen. Ist das nicht schon die Zeit des sich andeutenden Abgesang des Faschismus und Nationalsozialismus? Außerdem fehlt es an O-Tönen von italienischen Futuristen zu diesen Ereignissen, um den politischen Kontext einordnen zu können.

 

tato

Tato, Futurist portrait of Marinetti, 1931

Als Kontrapunkt und Nachsatz zur Ausstellung befasst sich das Museum mit dem Thema „Futurismus ist Grün“. Angesichts der aktuellen Ereignisse und der sogenannten Energiekrise, dürfen daran Zweifel gehegt werden. Doch als Diskussionsansatz ist dieser Teil überaus sympathisch.

© ferdinand dupuis-panther


Info
https://www.rijksmuseumtwenthe.nl

 

 

zur Gesamtübersicht Ausstellungen