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Basel
Museum Tinguely

« le Définitif - c'est le Provisoire »
Sammlungspräsentation
ab dem 3. März 2021

25 Jahre nach der Eröffnung des Museum Tinguely am Basler Rheinufer legt die neu gestaltete Sammlungspräsentation einen Hauptfokus auf den charismatischen Künstler Jean Tinguely und seine medienwirksamen Auftritte mit kinetischen Skulpturen und Aktionen. Sie schöpft wie nie zuvor aus den einzigartigen Dokumenten und Archivalien, die die wissenschaftliche Arbeit des Museum Tinguely auszeichnet. Tinguely schuf neben diversen durchaus auch raumgreifende eigenständige Maschinenwelten undlautstarke Klangspektakel mit Alltagsgegenständen und stellt diese und sich selbst ins Rampenlicht, indem er sich an verschiedenen Theaterinszenierungen mit internationaler Besetzung beteiligt. Die Ausstellung bietet einen Einblick in Tunguelys Kunst, die sich bewegt und in der sehenswerten Ausstellung auch bewegen lässt.

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Installationsansicht «Neue Sammlungspräsentation im Museum Tinguely»
© 2021, Museum Tinguely; Foto: Daniel Spehr

 

"Es ist unmöglich, einen leisen Motor zu entwickeln. Ein Motor produziert zwangsläufig Lärm. Meine Maschinen sollen nicht reibungslos funktionieren, sondern sie sollen sich in einer starken und musikalischen Geräuschkulisse offenbaren. Der Lärm ist ein Teil der Maschine, den ich in gleichem Masse versuche, in die Gestaltung einzubeziehen wie die plastische Form." J. Tinguely

 

Alles bewegt sich, fast alles, und alles ist aus Schrott geschaffen worden. Und noch etwas zeichnet das Werk des im zweisprachigen Fribourg/Freiburg geborenen Künstlers Jean Tinguely aus: Manche Arbeiten klingen auch. Nur eine kinetische Großinstallation im Museum ist begehbar. Übrigens, vor dem Museum und auch in der Stadt Basel unweit des Theaters findet man Werke von Tinguely. Es sind Brunnen mit rotierenden „Maschinenteilen“. Auch in Tinguelys Geburtsort findet man unweit der Tourismusinfo in einer Parkanlage einen Tinguely-Brunnen.


Die Werke Tinguelys sind nicht nur in Basel im Museum zu sehen, sondern auch in Fribourg im Espace Jean Tinguely - Niki de Saint Phalle und im Duisburger Lehmbruck-Museum. Außerdem beherbergt der Skulpturenpark des Moderna Museet auf der Insel Skeppsholmen in Stockholm Arbeiten der beiden Künstler, die über Jahre die Kunstszene mit spektakulären Aktionen aufgemischt haben. Wir reden über vergangene Jahrzehnte, denn Tinguely verstarb 1991 in Bern und Niki de Sait Phalle 2002 in San Diego. Ihre Werke jedoch begeistern Kunstliebhaber noch immer, so auch die, die in den Herrenhäuser Gärten in Hannover die Grotte von Niki oder am Hannoveraner Leineufer die Nanas in Augenschein nehmen.

 

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Installationsansicht «Neue Sammlungspräsentation im Museum Tinguely»
© 2021, Museum Tinguely; Foto: Daniel Spehr

 

Doch beginnen wir nach dieser Vorrede nun einen Rundgang durch die Sammlungspräsentation. Wir stoßen unter anderem auf eine Maschine, die sich auf Brechts „Dreigroschenoper“ bezieht. “… ich mache Maschinen, die keinen Zweck erfüllen… Lieben Sie die Ordnung? Ja, aber ich weiche ihr aus.” Diese Aussagen von Jean Tinguely sind auch für andere seiner kinetischen Arbeiten von Relevanz. Es geht ihm um Umnutzung und Neunutzung, nie um eine Maschinenwelt, die irgendetwas produziert oder Teil eines produktiven Prozesses ist. So kombiniert der Künstler bei dem vorliegenden Werk die Lichter, die Jahrmarktbuden beleuchten, mit einer rotierenden Scheibe und einer sich auf- und ab bewegenden Sony-Kamera. Ein Haigebiss ist ebenso Teil der Installation wie auch allerlei Gestänge und Transmissionen. Doch nicht alles, was Tinguely schuf, ist mit Getriebe versehen, aber die Mehrzahl seiner Arbeiten.

 

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Jean Tinguely: Briefzeichnung an Franz und Ida Meyer, Schenkung Franz Meyer, Museum Tinguely, © 2021, ProLitteris Museum Tinguely; Foto: Daniel Spehr

 

Der Ausstellung vorgesetzt ist übrigens eine ausführliche Biografie in Bild und Text. So erfahren wir, dass Tinguely eigentlich eine Lehre als Dekorateur in einem Warenhaus absolvieren sollte. Angesichts des anarchistischen Verhalten Tinguelys wurde der später weltberühmte Künstler, der unter anderem auch im Dunstkreis von Zero und Fluxus zu verorten ist, gefeuert. Tinguely machte nie ein Hehl aus seiner Sympathie für kommunistische Anschauungen und für die Partei der Arbeit. Zu seinen Freunden gehörte der Schweizer Anarchist Heiner Koechlin, der u. a. in der "Arbeitsgemeinschaft Freiheitlicher Sozialisten" aktiv war. Nach dem Dienst in der Schweizer Armee – ungewöhnlich für einen anarchistischen Freigeist – übersiedelte Tinguely nach Paris und lebte dort in relativer Armut. Die Unterstützung durch Daniel Spoerri half Tinguely und seiner damaligen Gattin über die Runden zu kommen. Während der Pariser Jahre schloss er Freundschaften mit Yves Klein, hatte 1955 seine erste Ausstellung und lernte Niki de Saint Phalle und deren damaligen Ehemann kennen.

 

Ich zeichne enorm viel, so wie man zeichnet, wenn man telefoniert. Gleichzeitig transformiere ich diese Art Zeichnung systematisch in Mitteilungen an meine Freunde, in Briefe, oder solche Dinge.
Jean Tinguely

 

Auf einem Foto sieht man den Künstler vor dem Eiffelturm mit einer seiner ersten Zeichenmaschinen namens "Méta-Matic No 17" (1958). Ein Jahr danach stellt Tinguely in Düsseldorf aus. Begleitet wurde die dortige Ausstellung durch eine Flugblattaktion für die Verbreitung des Manifests "Für Statik", fotografiert von Charles Wilp und so der Nachwelt übermittelt. 1960 werden Tinguely und Niki ein Paar, leben und arbeiten gemeinsam.

 

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Jean Tinguely, Méta-Matic No. 10, 1959 Museum Tinguely, Basel, Donation Niki de Saint Phalle © 2021, ProLitteris, Zürich; Foto: Museum Tinguely, Basel, Serge Hasenböhler

 

Der Traum ist alles – die Technik lässt sich erlernen. Jean Tinguely

 

Zur Biografie gehört auch die Entstehung der begehbaren Nana für das Moderna Museet in Stockholm im Jahr 1966. Für die Expo 1967 schuf Tinguely das Wandrelief „Requiem pour une feuille morte“. Für Aufsehen sorgte außerdem die Zerstörung einer Riesenphallusskulptur in Mailand im Jahr 1970, ein absolutes Spektakel.


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Installationsansicht «Neue Sammlungspräsentation im Museum Tinguely»
© 2021, Museum Tinguely; Foto: Daniel Spehr


Ja, auch wenn in diesem Ausspruch vehement gegen Kunst gewettert wird, sie wird von Tinguely auch inszeniert, so als er zur Übergabe des Baseler Brunnen, eigentlich als Baseler Fastnachtsbrunnen gedacht, im Juni 1971 auf einem Kamel angeritten kam. Aus Schrott war etwas Einzigartiges entstanden oder wie Jean Tinguely es einst formulierte: „Sobald ich Schrott berühre, entsteht Magie.“ 10000 kamen übrigens zum Begräbnis des Künstlers nach Fribourg. Seit 1991 schweigt der Künstler, nur seine Werke sprechen bis heute eine eigene, bisweilen anarchistische Sprache.

 

Ich war immer auch anti-alles und sicherlich anti-Kunst, der méta Kunst oder Scheiß-Kunst. Jean Tinguely 1991

 

So auch ein Maschinenbild, bei dem es sich um zwei schwarze Rechtecke mit weißen Zeigern handelt. Letztere schieben sich langsam übereinander. Ein Schelm wer an Malevitch denkt, oder? Zu sehen sind kinetische Bilder wie „Etément détaché I“. Als Referenz an Alexander Calder ist „Méta Méchanique“ anzusehen. Dreiecke, Halbkreise, eine Mondsichel – das sind Elemente, die wir in dieser Arbeit dechiffrieren können. Filigran ist die Drahtkonstruktion, die wir sehen. Als Tinguely sein Werk „La Tour“, eine „Hommage an den Berner Zeitglockenturm, öffentlich zeigte, gab es Schmähungen zu Hauf und die Frage, ob das denn überhaupt Kunst sei. Das mag der Museumsbesucher heute selbst für sich entscheiden.

 

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Installationsansicht «Neue Sammlungspräsentation im Museum Tinguely»
© 2021, Museum Tinguely; Foto: Daniel Spehr


Tinguely nutzte für eines der aktuell präsentierten Werke Schreibmaschinen, Schwungräder, einen Roller, Fahrradreifen mit Speichen, Metallgabeln, Holzbretter, Zylinder und Trichter sowie Karosserieteile eines Autos. Für „Autoportrait conjugal“ nahm der Künstler einfach eine Leiter, Motorenteile, Räder, Uhrpendel und einen toten Vogel, die er miteinander verband. Und auch die von Tinguely geschaffene Jalousie bewegt sich. Dabei handelt es sich um einen „Fadenvorhang“, den der eine oder andere in den 1970er Jahren gerne an seine Balkontür gehängt hat.

 

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Installationsansicht «Neue Sammlungspräsentation im Museum Tinguely», hier eine Besucherin betrachtet das Kunstwerk Tinguely namens Le Safari de la Mort Moscovite, kurz Safari (1989) © 2021, Museum Tinguely foto: (c) fdp2022

 

Ein ausgeweidetes und dennoch fahrbares Auto mit Tierschädeln vom Pferd wie vom Wasserbüffel, Sense und Transmissionsriemen gehört auch zu den Werken Tinguelys. Dass es in Aktion war, belegen winterliche Bilder mit dem Gefährt vor dem Moskauer Kreml. Zu sehen ist auch die in Restaurierung begriffene Arbeit „Ballett der Armen“. Schließlich können wir auch die kinetischen Klangmaschinen des Künstlers auf unserem Museumsbesuch erleben.

Fürwahr Tinguely eröffnet neue Welten, Fantasiewelten der besonderen Art. Das Maschinenzeitalter wird anders definiert und aus den Elementen der Maschinen entstehen neue Objekte ohne Sinn und Zweck. Das Motto lautet: „Es bewegt sich doch!“, auch wenn es nur Schrott ist.

 

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Gigangtisches kinetisches begehbares Objekt von Jean Tinguely mit dem Titel Große Meta-Maxi- Maxi-Utopia und Museumsbesucherin © 2021, Museum Tinguely foto: (c) fdp2022,

 

© ferdinand dupuis-panther


Info
www.tinguely.ch



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