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Bern
Kunstmuseum

«VIVRE NOTRE TEMPS!» - BONNARD, VALLOTTON UND DIE NABIS
bis 16.10.202


Die 1888 gegründete Gruppe der Nabis um die Künstler Pierre Bonnard, Maurice Denis, Félix Vallotton und Édouard Vuillard steht sinnbildlich für den Zerfall des Impressionismus und die Anfänge der modernen Kunst. Die Abschiedsausstellung der Sammlung Hahnloser/Jaeggli im Kunstmuseum Bern zeigt deren prominenteste Werke der Maler dieser mutigen Bewegung. Sie thematisiert die Spannungen zwischen Gegenstand und Farbfläche und den damit verbundenen Wandel von der gegenständlichen zur abstrakten Malerei. Mit der Gegenüberstellung von Werken ihrer wichtigsten Vorbilder Paul Gauguin und Odilon Redon und den Nabis-Künstlern wird der Moment festgehalten, in dem das künstlerische Vokabular neu bewertet wurde. «Vivre notre temps!» lautete die Maxime, der Arthur und Hedy Hahnloser beim Aufbau ihrer Kunstsammlung folgten. Die Sammlung Hahnloser/Jaeggli wird dann an ihren Entstehungsort, in die Villa Flora in Winterthur zurückkehren.

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Édouard Vuillard Roses rouges et étoffes sur une table, 1900–1901 Öl auf Karton 56 x 66 cm Dauerleihgabe an die Hahnloser/Jaeggli Stiftung Villa Flora, Winterthur

Wer durch die aktuelle Ausstellung wandelt, kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Arbeiten der Vertreter von Nabis symbolistisch aufgeladen sind. Ob der Verfall des Impressionismus durch Nabis eingeläutet wurde, ist zu diskutieren. Denn der Impressionismus fand ja im Luminismus eine Fortsetzung, eine Fortsetzung, die sich insbesondere mit Lichteffekten auseinandersetzte und vorwegnahm, was heute in aller Munde ist: Bildinhalte in Pixel aufzuspalten. Heute geschieht dies digital, zu Zeiten von Claus, de Smet, van Rysselberghe oder Mondrian geschah das analog. Und noch ein Einspruch gegen die These des Zerfalls des Impressionismus ist in der Entstehung des Fauvismus vertreten unter anderem durch Matisse, de Vlaminck und Derain zu sehen. Lassen wir also mal die obige Behauptung so stehen und widmen uns den präsentierten Werken.

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Odilon Redon Le rêve, um 1908 Öl auf Leinwand 73 x 54 cm Kunstmuseum Bern Dauerleihgabe Hahnloser/Jaeggli Stiftung

Dem ersten „Eingeweihten“ – so die Übersetzung von Nabis, hergeleitet aus dem Hebräischen nebiim – ist Maurice Denis. Zunächst einmal sieht man als Arbeit in Kreide und Pinsellitho „Mutterschaft vor dem Meer“. Dabei hat man den Eindruck, die Arbeit sei von einer Milchglasscheibe verdeckt, sodass die Mutter-Kind-Darstellung eine gewisse Unschärfe aufweist. Die beiden Figuren scheinen sich aufzulösen, zu verschwinden, nebulös zu erscheinen. Im Übrigen bedient sich Denis eines Stilmittels der Fauves: Es ist der Fensterblick, der in der oben genannten Arbeit den Blick auf das spiegelglatte Meer erlaubt. Etwas Mysteriöses, auch leicht erotisch Aufgeladenes umgibt „Es war ein religiöses Geheimnis“. Die eine der Frauen neigt ihren Kopf gen das Haupt der anderen. Diese hat ihre Hände erhoben, so als wolle sie diese auf den Körper ihres Gegenüber legen. Oder ist dies eine Abwehrgeste?

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Félix Vallotton Femme nue couchée dormant, 1913 Öl auf Leinwand 96 x 130 cm Dauerleihgabe an die Hahnloser/Jaeggli Stiftung Villa Flora, Winterthur

Das Genre des Stilllebens bedient Odilon Redon – er gehörte nicht zu Nabis, war aber vielfach Referenz der „Eingeweihten“. Die Anemonen in einer Schale, die wir sehen, wurden in Pastell auf Papier auf Karton/Leinwand gemalt. In den feurigen Hintergrund ergießen sich gleichsam die blauen Blumen. So entstehen eher verlaufene Farbflächen und kein klassisches Stillleben, wie es aus der Barockmalerei bekannt ist. Bei dem Werk „Der violette Hut“ von Félix Vallotton handelt es sich um ein Frauenporträt. Doch der Fokus liegt auf dem ausladendem Hut mit Federn, der das dunkelblonde Haar der Porträtierten bedeckt. Kleidet sich die Dame gerade an oder aus? Und warum trägt sie halbbekleidet eigentlich diesen üppigen „Kopfschmuck“?

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Pierre Bonnard Dans un jardin méridional (La Sieste), um 1914 Öl auf Leinwand 84 x 113 cm Kunstmuseum Bern Schenkung des Staates Bern, 1935

Interieurs finden wir bei den Nabis-Vertretern ebenso wie bei denen des Fauvismus, so auch bei Edouard Vuillard, der sich dank seiner schneidernden Mutter früh mit Textilien befasst und einen Sinn für Haute Couture hatte. Zu sehen ist seine Arbeit „Rote Rosen und Tischtuch“, ein eher ungewöhnlicher Bildtitel. Die Rosen sind an den Tischrand gerückt worden. Im Mittelpunkt steht das Tischtuch. Im Gegensatz zu den üppig dekorativen Hintergründen bei den Fauves ist bei Vuillard der Hintergrund gräulich-bläulich gehalten, wenn auch ein dynamischer Duktus nicht zu übersehen ist.

Es ist gut, sich daran zu erinnern, dass ein Gemälde, bevor es ein Schlachtpferd, eine nackte Frau oder irgendeine Anekdote ist, im Wesentlichen eine flache Oberfläche ist, die mit Farben bestrichen ist … Maurice Denis

Auch Paul Gaugin, eine Bezugsgröße der Maler der Nabis, finden wir in der Ausstellung. Wir sehen eine Reihe von grafischen Arbeiten, die sich mit der Bretagne und den Bretonen befasst. Teilweise drängt sich dem Betrachter die Annahme auf, dass Gaugin die Bretonen durchaus karikierend dargestellt hat. Dabei haben seine Arbeiten auch etwas im Folkloristischen Schwelgendes betrachtet man die Ausfeilung der Kleidung.

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Pierre Bonnard Les oranges ou Le compotier aux oranges, um 1912 Öl auf Leinwand 68 x 45 cm Kunstmuseum Bern Dauerleihgabe Hahnloser/Jaeggli Stiftung

Was ein Blumenstrauß mit einem Traum zu tun hat, weiß nur der Schöpfer dieses Werks und das ist kein Geringerer als Odilon Redon, in Bordeaux geboren und ein Vertreter des Symbolismus. Insbesondere in seiner sogenannten schwarzen Phase widmet er sich den Themen Traum und Albtraum. Augenscheinlich setzte er dieses Thema teilweise auch in seiner sogenannten farbigen Phase fort, wie man dem ausgestellten Werk entnehmen kann. Auffallend in diesem Werk ist nicht allein der Blumenstrauß, sondern der Hintergrund, der farbigen Quellwolken gleicht. Blumen als Motiv finden wir obendrein bei Vallotton, siehe „Rote Nelken und weiße Blumen in einem dunklen Krug“. Bilddominant erscheint dabei eine Tischdecke mit roten Streifen, ein Kontrapunkt gegenüber dem grauen Hintergrund.

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Félix Vallotton Instruments de musique 5/6: La Guitare, 1897 Holzschnitt 22,5 × 18 cm Villa Flora, Winterthur Dauerleihgabe an die Hahnloser/Jaeggli Stiftung

Der gleiche Maler zeigt uns auch sein Modell auf einem Diwan sitzend. Bildrahmen lehnen an der Wand des Ateliers, in dem dieses Porträt entstand. Das Modell ist in einem weißen Unterkleid zu sehen und im Begriff die Strümpfe überzustreifen. Ist das für diesen Tag das Ende des Modellstehens als Aktmodell? Einen anderen Akt sehen wir bei Vuillard, nämlich „Akt in gestreiftem Atelier“. Dabei ist auch bei diesem Werk die Frage, ob der Akt bzw. das Modell nur Staffage ist und das Interieur im Fokus stehen soll. Mit angewinkelten Beinen ist das Modell auf der Couch zu sehen. Eine gewisse Skizzenhaftigkeit der Arbeit ist nicht von der Hand zu weisen. Mit weißem Tuch bedeckt sich die Nackte, sodass sie nicht völlig entblößt erscheint. Eine Nackte, die wohl zu schlafen scheint, liegt im changierenden Grün. Man könnte sich beim Anblick vorstellen, sie liege auf einem weichen minzgrünen Moosbett und genieße den sanften Schlaf.

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Félix Vallotton La charrette, 1911 Öl auf Leinwand 101 x 74 cm Kunstmuseum Bern Dauerleihgabe Hahnloser/Jaeggli Stiftung

Pierre Bonnard malte einst „Spiegeleffekt oder Der Badezuber“. Der Spiegel füllt das Bildformat. Was wir sehen spielt sich außerhalb des Gemäldes, gleichsam im Rücken des Betrachters ab, eine ganz eigene Konzeption von Interieur. Auch wenn in „Die provenzialische Karaffe“ ein Stillleben eine Rolle spielt, so ist das Gemälde zugleich in einer Art Collage das Porträts von Bonnards Frau und deren Hund, die am Tisch Platz genommen haben. Doch scheinen sie in diesem Bild des gedeckten Tisches und der Obstschale irgendwie fremd platziert. Das gilt auch für „Das rot karierte Tischtuch oder Der Hund beim Frühstück“.

Nicht Zusammengehörendes in einen Bildrahmen zu setzen, darauf verstand sich auch Vallotton in „Die Weiße und die Schwarze“. Wir sehen einen weiblichen Akt. Nein, nicht etwa einen Akt einer Afrikanerin, sondern einer weißen Frau auf weißen Laken Auf diese blickt eine schwarze Frau, die raucht und in ein langes grünes Kleid gehüllt ist. Eine rote Kette aus Korallen (?) hängt um ihren Hals. Es ist gleichsam ein kolonialer Blick, der sich in dem Gemälde verbirgt. Aber nicht afrikanische Erotik trifft auf europäisch-viktorianische Prüderie, sondern Nacktheit derer, die den schwarzen Kontinent einst kolonisierten, auf eine afrikanische Dame mit Stil. Die Begegnung scheint unwirklich, befremdlich und bar jeder Wirklichkeit. War es nicht so, dass reiche Europäer sich schwarze Dienerinnen und Dienstboten hielten, mal von den Sklaven der us-amerikanischen Südstaaten abgesehen, die gleichsam Eigentum des Sklavenhalters war, der sich ihrer jederzeit bediente, auch sexuell bediente?


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Félix Vallotton A. Th. Dostojewski, 1985 Holzschnitt 16 x 12,5 cm Villa Flora, Winterthur Dauerleihgabe an die Hahnloser/Jaeggli Stiftung

„Figur im Lampenschein“ ist eine weitere Arbeit, diesmal von Bonnard, die gewisses Befremden auslöst. Nicht die Personen sind es, auf die sich das Spotlight richtet, sondern die Lampe, auch wenn man im Vordergrund eine im Halbschatten sitzende Rothaarige auszumachen vermag. Schemenhaft erkennt man weitere Personen im Hintergrund des Raumes.

Das Surrealistische – man betrachte die beinahe anthropomorph zu nennende Natur in schrillem Grün im Kontrast zu dem einsamen Karren auf dem Weg – findet sich in „Der Karren“ von Vallotton. Der Mensch entfremdet von der Natur scheint in der Arbeit „Weißer Strand“ aufgegriffen zu werden. Schließlich konfrontieren die Ausstellungskuratoren den Betrachter mit der Serie von Musikinstrumenten, die Vallotton zu verdanken sind, und zum Thema Korrespondenzen mit den Pariser Stadtansichten von Bonnard in einen Dialog gesetzt wurden.

© Ferdinand Dupuis-Panther

Info
www.kunstmuseumbern.ch


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