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Winterthur
Fotomuseum Winterthur

Wahlfamilie - Zusammen weniger allein bis 16.10.2022

Die Ausstellung „Wahlfamilie – Zusammen weniger allein“ beleuchtet anhand von Werken aus der Sammlung des Fotomuseum Winterthur sowie internationalen Positionen, wie (Wahl-)Familie als soziales und kulturelles Konstrukt fotografisch verhandelt und dargestellt wird. Die künstlerischen Herangehensweisen sind dabei so unterschiedlich wie die jeweiligen Familiengeschichten, die sie ins Bild setzen. Nebst den Arbeiten von Fotograf_innen und Künstler_innen präsentiert das Museum auch persönliche Fotoalben und somit Familiengeschichten von Menschen aus Winterthur und der gesamten Schweiz. Zu erleben ist eine Ausstellung mit Werken aus der Sammlung des Fotomuseum Winterthur und internationalen Leihgaben, u. a. mit Arbeiten von Aarati Akkapeddi, Richard Billingham, Larry Clark, Charlie Engman, Seiichi Furuya, Nan Goldin, Pixy Liao, Diana Markosian, Anne Morgenstern, Mark Morrisroe, Dayanita Singh, Lindokuhle Sobekwa, Annelies Štrba, Leonard Suryajaya und Alba Zari.

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Pixy Liao, It's Never Been Easy to Carry You, 2013, aus der Serie Experimental Relationship, 2007– © Pixy Liao

Dass die Debatte über Geschlechterrollen und -definitionen, binär und non-binär, divers, hetero- und homosexuell bei den gezeigten Arbeiten mitschwingt, sei dem nachstehenden Beitrag vorangestellt. Subkulturelles wie Larry Clarks Einblicke in die Drogenszene oder Nan Goldins Fotoreihe zu Cookie Müller spielen eine nicht unwesentliche Rolle und reflektieren den Zeitgeist von Sex, Drugs and Rock’n Roll.

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Pixy Liao, Some Words Are Just Between Us, 2013, aus der Serie Experimental Relationship, 2007– © Pixy Liao

Das Verwischen und das Umkehren klassischer Rollen inszeniert die aus Shanghai stammende und nunmehr in NY City lebende Pixy Liao. Sie serviert den nackten Körper ihres Partners wie eine Speise auf dem Tablett, legt ihn sich über die Schulter, zeigt sich mit ihrem Partner kniend in traditioneller Kleidung. Auffallend ist die Tatsache, dass der Mann seinen Kopf auf die Schulter der Frau legt und nicht, wie erwartet, umgekehrt. Eine Bettszene gibt es auch zu sehen, dabei liegt die Künstlerin unter ihrem Partner und hält das Kabel des Selbstauslösers in der Hand. Alle Aufnahmen sind übrigens mit einer analogen Kamera angefertigt worden.

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Pixy Liao, Things We Talked About, 2013, aus der Serie Experimental Relationship, 2007– © Pixy Liao

Die gleichfalls analog gefertigten Bildstrecken von Dayanita Singh (Delhi) lassen uns in die Welt der Hijras eintauchen. Teilweise spricht man dabei auch vom sog. dritten Geschlecht. Es handelt sich sowohl um intersexuelle als auch transgeschlechtliche Menschen, die Singh vor seine Kamera bekam und sie beim fröhlichen Feiern und Tanzen einfing. Es sind auf den ersten Blick feminin wirkende Menschen, die wir sehen, teilweise mit Blumen und Blumenkränzen geschmückt. Welche Stellung sie in einer Gesellschaft einnehmen, die durch traditionelle Kastenstrukturen geprägt ist, erfahren wir allerdings nicht. Das mag auch daran liegen, dass die Welt der Hijras eine Welt der Subkultur ist, in die uns die Fotografin mitnimmt. Es ist eine fremde Welt, die von der Selbstdarstellung der Akteure im Privaten lebt.

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Dayanita Singh, On his arrival each eunuch was greeted by me with garland of jasmine flowers. Ayesha's first birthday, 1990, aus der Serie The Third Sex Portfolio, 1989–1999 © Dayanita Singh

Der ursprünglich aus Indonesien stammende und in Chicago lebende Leonard Suryajaya entstammt einer sehr traditionellen buddhistischen Familie. Er hinterfragt mit den Porträts seiner Eltern, seiner Geschwister und seines Freundes das tradierte Glaubensgerüst und die tradierten Geschlechterrollen. Dabei macht er keinen Hehl aus seiner Homosexualität. Er inszeniert die Porträtierten teilweise wie barocke Stillleben, schreckt auch vor dem Surrealen nicht zurück, wenn er einen Mann mit einem gehäuteten Vogel im Arm zeigt oder eine aus einem Strohhalm trinkende Frau mit Silbertäschchen und mit Schmuck behängt. Nur was ist in dem Beutel, aus dem sie trinkt?

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Dayanita Singh, I get this strong urge to dance from within. Ayesha's second birthday, 1991, aus der Serie The Third Sex Portfolio, 1989–1999 © Dayanita Singh

Dem Leben von Cookie Müller hat sich Nan Goldin gewidmet. Müller war bis zu ihrem Tod an AIDS Teil der alternativen Szene New Yorks, war Schriftstellerin und Schauspielerin. Goldin entstammt einer jüdischen Familie der Mittelschicht und verließ früh ihr Elternhaus. Sie verbrachte nach dem Studium an der School of the Museum of Fine Arts in Boston Zeit mit Drag Queens und schuf über mehrere Jahre das Werk „The Ballad of Sexual Dependency“. Mit dem Jahr 1976 begann sie Cookie Müller zu fotografieren, auch deren Sohn und Cookies Freundin, dann die Hochzeit mit Vittorio Scarpati, der später an AIDS verstarb. Wir sehen außerdem Cookie am offenen Sarg ihres Ehemanns und dann in ihrem eigenen Sarg liegend.

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Richard Billingham, Untitled, 1990, aus der Serie Ray's a laugh, 1989–1996
© Richard Billingham

Porträts der eigenen Frau stehen im Fokus bei Seiichi Furuya. Diese Porträts umspannen den Zeitraum von 1978 bis 1985. Sie zeigen eine eher verschlossen wirkende Frau. Kein fröhliches Lächeln oder Lachen ist in den Arbeiten zu sehen. Die Aufnahmen scheinen arrangiert, aus dem Kontext genommen, den Alltag als Ehefrau und Mutter negierend. Eher hat man den Eindruck, die Aufnahmen sind in einem sterilen Studio entstanden. Haltung und Kleidung scheinen bestimmt worden zu sein, bis hin zur Aufnahme in Unterwäsche. Und was hat das mit Wahlfamilie zu tun?

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Diana Markosian, The Arrival, 2019, aus der Serie Santa Barbara, 2019–2020 © Diana Markosian und Galerie Les filles du Calvaire

Selbstdarstellungen im homosexuellen Milieu sind Gegenstand der Arbeit der aus Leipzig stammenden Anne Morgenstern, während Alba Zari sich mit der Sekte Children of God befasste, die Sex mit Minderjährigen ebenso billigte wie auch Prostitution. Dabei ist die Nähe zu anderen geschlossenen Systemen wie die Colonia Dignidad in Chile nicht von der Hand zu weisen. Die Geschlossenheit aufzubrechen und zu entlarven, ist sicherlich mit der Bildreportage Zaris streckenweise gelungen, auch wenn immer wieder derartige geschlossene Systeme entstehen, in denen Kindesmissbrauch an der Tagesordnung ist. Und das ist inakzeptabel und hat nichts mit alternativem Lebensstil zu tun. In Deutschland gab es solche sich als alternativ verstehende Kulte auch, man denke an die sogenannten Stadtindianer. Aber das ist ein anderes Thema.

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Leonard Suryajaya, Dad Duck, 2020, aus der Serie False Idol, 2016–2020 © Leonard Suryajaya

Richard Billingham hat wie kein anderer das proletarische Milieu beleuchtet, aus dem er selbst stammt. Toxisch muss man die Familienbeziehungen nennen, in denen der britische Fotograf aufwuchs. Leider sind nur wenige Arbeiten von ihm in Winterthur zu sehen. Gewalt und Alkohol sind Alltag des Heranwachsenden. Darüber täuscht auch das Bild seiner Mutter nicht hinweg, die sich mit einem Puzzle befasst. Billingham schuf nicht nur ein Soziogramm seiner Familie, sondern auch des proletarischen Milieus von Birmingham, wo er aufwuchs.

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Richard Billingham, Untitled, 1995, aus der Serie Ray's a laugh, 1989–1996 © Richard Billingham

Der selbst mit 16 Jahren drogenabhängig gewordene Larry Clark spiegelt in seinen Aufnahmen die Drogenszene in Tulsa wieder. Jugendliche der Vorstadt spritzen sich Heroin, selbst eine Hochschwangere. Und Waffen spielen in diesem Umfeld auch eine große Rolle. Da sieht man Porträts von Männern, die mit Revolvern herumfuchteln und auf Dritte zielen, wahrscheinlich im Drogenrausch. Teilweise wird man bei Clark an Arbeiten erinnert, die Tobias Zielony in jugendlichen Subkulturen in Newport, Marseille oder Winnipeg gelungen sind. Es sind ebenso dichte Bilder einer teilweise zerfallen Gesellschaft, in der soziale Kontrolle längst löchrig geworden ist.

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Lindokuhle Sobekwa, aus dem Künstlerbuch I Carry Her Photo with Me, 2017
© Lindokuhle Sobekwa und Magnum Photos

So interessant einige Arbeiten und Serien sind, die Unterzeile der Ausstellung „Zusammen weniger allein“ erschließt sich nicht. Die gewählten sozialen Kontexte sind teilweise Zwangsbezüge, in denen beispielsweise Drogen das einzig Verbindende sind, ansonsten ist jeder auf sich gestellt. Und auch beim Anblick der indischen Hijras muss man immer die gesellschaftliche Diskriminierung des uralten Kastensystems mitdenken. Da mag es Momente des Gemeinsamen geben, die Frage ist aber um welchen Preis. Und auch das Leben von Cookie Müller endete einsam. Sobald die Spotlights des Subkulturellen erloschen sind, sind Cookie und andere (Selbst)darsteller allein.

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Leonard Suryajaya, Hoda, 2018, aus der Serie False Idol, 2016–2020
© Leonard Suryajaya

© ferdinand dupuis-panther

Infos
https://www.fotomuseum.ch/de/



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