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Winterthur
Kunstmuseum Reinhart am Stadtpark

Italia - Zwischen Sehnsucht und Massentourismus bis 11.9.2022


Nord – Süd: Perspektiven auf die Sammlung bis 11.9.2022

Italia - Zwischen Sehnsucht und Massentourismus

Italien war seit jeher ein Sehnsuchtsort für Künstler. Seit der Renaissance übte das Land als Wiege der Künste eine außerordentliche Faszination auf die europäischen Kunstschaffenden aus. Michelangelo, Raffael und Leonardo galten als unumstrittene Höhepunkte und die Antike war hier wie nirgendwo anders unmittelbar erfahrbar. Auch für Wissenschaftler und Dichter der Aufklärung gehörte eine Bildungsreise in den Süden zum obligaten Programm. Neben der Antikenbegeisterung und der Bewunderung für die italienische Kunstgeschichte war es vor allem die Sehnsucht nach dem Süden als Inbegriff von Freiheit und Einklang von Kunst und Leben im utopischen Arkadien, die Italien zum real existierenden Ziel der Träume machte.

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Carl Blechen (1798–1840) Die Ruinen des Septizoniums auf dem Palatin in Rom, 1829 Öl auf Papier, auf Holz 18 x 33.5 cm Kunst Museum Winterthur Stiftung Oskar Reinhart Foto: SIK-ISEA, Zürich, Philipp Hitz

Wer eine Auseinandersetzung mit dem Phänomen Massentourismus erwartet hat, der wird nicht auf seine Kosten kommen. Es geht im Kern der Ausstellung eher um die Anziehungskraft auf die Maler des 18. und 19. Jahrhunderts, um Arnold Böcklin, Carl Blechen und andere, die künstlerische Inspirationen jenseits der Alpen suchten. Gewiss es gab den Drang, sich auf eine Grand Tour zu begeben, sich aufzumachen zu den Städten der Antike, so wie das auch der Dichterfürst Johann Wolfgang Goethe tat, aber das unterscheidet sich ja von dem „Italienfieber“ der späten 1950er Jahre und 1960er Jahre. Im Zuge des sogenannten deutschen Wirtschaftswunders strömten deutsche Urlaub mit vollgepackten VW oder Lloyds gen Süden. Genau dieses Phänomen beleuchtet die aktuelle Ausstellung nicht. Insoweit ist der Ausstellungstitel etwas irreführend.

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Jan Both (um 1618/1622–1652) Südliche Landschaft mit See, 1642/1652 Öl auf Leinwand 43.5 x 65.5 cm Kunst Museum Winterthur Geschenk der Stiftung Jakob Briner, 2018 Foto: SIK-ISEA, Zürich, Jean-Pierre Kuhn

Nicht nur deutsche, sondern auch niederländische Maler reizte das Licht des Südens, darunter auch Jan Asselijn und Jan Both, neben den bereits zuvor erwähnten deutschen Malern, zu denen sich auch Anselm Feuerbach gesellte. Mitte des 17. Jhs. entstand Asselijns „Südliche Hafenlandschaft bei Sonnenuntergang“. Nahe eines Rundturms sieht man Männer im Gespräch vertieft. Der Mast eines Großseglers ragt über den Turmabschluss. Kleinere Segler sind auf dem Meer unterwegs. Ein Kleinsegler ist gerade angelandet, so der Eindruck des Betrachters. Irgendwie erscheint die Szenerie wie ein Bühnenbild, bei dem die vorhandenen Menschen nur Staffage sind. Auch Jan Both hat sich mit der südlichen Landschaft befasst, zeigt uns Maultiertreiber und einen Gitarrenspieler unter einem schattigen Baum. Zu seinen Zuhörern gehört auch ein Mann, der ausstreckt daliegt und wohl dem Wohlklang des Saitenspiels lauscht. Ist da nicht auch ein Hirte zu sehen, der sich auf seinen Hirtenstab stützt, derweil er einhält?

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Arnold Böcklin (1827–1901) Villa am Meer, 1878 Öl auf Leinwand 110 x 160 cm Kunst Museum Winterthur Geschenk der Erben von Olga ReinhartSchwarzenbach, 1970 Foto: SIK-ISEA, Zürich, Jean-Pierre Kuhn

Asselijn, der sich in Rom der Gruppe Bentvueghels angeschlossen hatte, schwelgt auch in seiner Darstellung einer Reiterin am Brunnen in den lichten Farben des Südens. Neben der Reiterin in leuchtend blauem Gewand fällt der Blick auf einen Knecht, der gierig Wasser aus einem Fässchen trinkt, so wie das Pferd sich am Wasser des Brunnens labt. Both entführt uns in einer Radierung obendrein ins Tibertal und zeigt uns Wartende am Ufer und solche, die der Fährmann gerade überholt. Auch Kühe an einer Tränke und ein verlassenes Dorf auf einer Anhöhe sind ein Bildmotiv einer weiteren Radierung von Both.

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Louis-Léopold Robert (1794–1835) Mädchen von Procida, 1822 Öl auf Leinwand 81 x 68.5 cm Kunst Museum Winterthur Stiftung Oskar Reinhart Foto: SIK-ISEA, Zürich, Philipp Hitz

Aus der Bibel und der griechischen Mythologie entnahm Charles Lorraine seine Bildmotive, die er in eine italienische Landschaft translozierte, ob nun in „Apollo und die Jahreszeiten“ oder „Die Holzbrücke“, eine insgesamt auf 12 Blätter limitierte Radierung. Zum einen erblickt man den zum Tanz aufspielenden Gott Chronos. Dabei führt symbolisch der Frühling den Tanz an. Zum anderen setzte der Künstler ein biblisches Thema aus der Genesis in eine üppig gestaltete italienische Hügellandschaft.

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Anselm Feuerbach (1829–1880) Iphigenie, 1870 Öl auf Leinwand 62.5 x 49.5 cm Kunst Museum Winterthur Stiftung Oskar Reinhart Foto: SIK-ISEA, Zürich, Philipp Hitz

Eigentlich erwartet man ja bei dem Stichwort Italien und Grand Tour Ansichten vom Kolosseum, von Pompeji, von Agrigent oder vom Vesuv. Doch derartige Ansichten antiker Stätten sind in der Schau rar. Johann Martin von Rohden zeigt uns allerdings das Aquädukt bei Rom, gemalt 1796. Diese Arbeit wurde nach Skizzen und Studien erst im Atelier vollendet und nicht vor Ort! Man beachte bei diesem Ölgemälde die Inszenierung des Lichts, das durch ein Bogenfeld der römischen Wasserleitung fällt und dabei auch eine Mutter mit ihrem Kind in den Fokus rückt. Im Schatten jedoch liegen unterhalb des Aquädukts einige Rastende.

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Johann Martin von Rohden (1778–1868) Aquädukt bei Rom, 1796 Öl auf Leinwand, doubliert 80 x 108 cm Kunst Museum Winterthur Stiftung Oskar Reinhart Foto: SIK-ISEA, Zürich, Philipp Hitz

Die Amalfiküste hatte es Carl Blechen angetan, der unter anderem das Kapuzinerkloster bei Amalfi für die Nachwelt in Öl festgehalten hat. Es drängt sich an die steile Klippen der Küstenlandschaft und liegt direkt im Sonnenlicht, sodass der Betrachter sein Auge automatisch auf diesen Bildausschnitt richtet. Blechen verdanken wir auch die Ansicht der Ruine des Septizoniums auf dem Palatin, dargestellt in einem schmalen Querformat. Locker und flüchtig erscheint der Farbauftrag, sodass eine gewisse Dynamik der Szenerie entsteht.

Hans Thoma entführt uns zur Porta San Sebastiano bei Rom. Die Landschaft ist in verschiedene Nuancen von Grün getaucht. Eine grasende Schafherde ist auszumachen, ebenso eine Schäferin. „Der Tiber bei Rom“ wurde von dem aus Genf gebürtigen Barthélemy Menn gleichsam mit Panoramablick festgehalten.

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Louis-Léopold Robert (1794–1835) Neapolitanischer Fischer mit Mädchen aus Ischia, 1827 Öl auf Leinwand 73 x 62.5 cm Kunst Museum Winterthur Stiftung Oskar Reinhart Foto: SIK-ISEA, Zürich, Philipp Hitz

Doch die Ausstellung hat auch einen Kontrapunkt, nämlich die fotografischen Arbeiten von Monica Bonvicini, die uns eine Reihe von Vorortdoppelhäusern aus der Lombardei zeigt. Doch das sind dann wahrlich keine Sehnsuchtsorte. Und auch Luciano Fabro ist mit einer „skulpturalen“ Installation in der Schau vertreten, die so gar nichts mit dem Kernthema gemein hat. Aus Bronze und Textilfarbe sowie Baumwolle hatte er ein welliges Gebilde in kühlen Farben geschaffen.

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Alighiero Boetti (1940–1994) Mappa, 1983 Wolle auf Baumwolle 116 x 178 cm Migros Museum für Gegenwartskunst, Zürich Foto: Migros Museum für Gegenwartskunst,

Und wo sind die Ansichten des Vesuvausbruchs, wo die Impressionen der Urlauber am Strand von Jesolo und Rimini oder der Kreuzschiffurlauber in den Gassen von Venedig? Wo ist die Ansicht des Dogenpalasts in Venedig oder des Hadriantors in Rom? Und was ist eigentlich mit dem Sehnsuchtsort Toskana, vor allem beliebt bei deutschen Intellektuellen aus dem grün-alternativen Spektrum? Dies bleibt eine Leerstelle in der Ausstellung.

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Monica Bonvicini (*1965) Italian Homes #11, 2019 Pigmentdruck auf Papier Ed. 2/3 (+ 2 AP) 60 x 80 cm Courtesy Studio Monica Bonvicini and Peter Kilchmann Gallery, Zürich ©Studio Monica Bonvicini

© ferdinand dupuis-panther

Nord – Süd: Perspektiven auf die Sammlung

Die tiefgreifende Zäsur des Zweiten Weltkrieges hatte auch in der Kunst einen radikalen Umbruch zur Folge. Auf die Katastrophe des Krieges folgte die Jahrzehnte anhaltende Zweiteilung der Welt in Ost und West. Zugleich begann der Wiederaufbau, wobei seit den 1950er und 1960er Jahren eine Aufbruchstimmung die Gesellschaft und die Kunst prägte. Neue Energien wurden freigesetzt, die traditionellen Vorstellungen, was ein Kunstwerk konstituiere, wurden nach dem Schock der Moderne einmal mehr in Frage gestellt. Das Kunst Museum Winterthur ist reich an Werken der unmittelbaren Nachkriegszeit, vor allem aber der Kunst seit den 1960er Jahren. Ein Schwerpunkt der Sammlung liegt bei der Arte Povera. Dabei handelt es sich um eine künstlerische Bewegung, die sich in den 1960er Jahren in Italien formierte mit inzwischen berühmten Künstlerinnen und Künstlern wie Luciano Fabro, Jannis Kounellis, Mario und Marisa Merz sowie Giuseppe Penone. Mit ihrer «armen» Materialkunst begannen sie, die Umbrüche der Zeit, die gesellschaftliche Neuorientierung und politische Krisen in Italien zu reflektieren. Aus Anlass der gleichzeitig stattfindenden Ausstellung Italia zeigen wir einen Ausschnitt der umfangreichen Arte Povera-Sammlung erstmals im Obergeschoss des Reinhart am Stadtgarten. Dem stellen wir ausgewählte Positionen von Künstlerinnen und Künstlern aus dem Norden, insbesondere aus Deutschland, gegenüber.

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Lucio Fontana (1899–1968) Concetto spaziale: Attesa, 1965 Acrylfarbe auf Leinwand 46 x 38 cm Kunst Museum Winterthur Legat Elsa Immer, 1975 Foto: SIK-ISEA, Zürich, Philipp Hitz

Einblicke in die Aktualität der Sammlung bietet die Ausstellung gewiss. Dabei erweist sich Kunst durchaus als provokativ. Das beginnt schon mit Andreas Slominskis „Mondscheinmühle“, eine „Archiskulptur“ aus Streichhölzern. Aus dem gleichen Material schuf der Künstler auch eine Schere hinter Acrylglas. Auf dem Boden des Ausstellungssaals hat die „Kirchenfalle“ ihren Platz. Dabei handelt es sich um das Modell einer Kirche. Wer genau hinschaut, entdeckt eine Guillotine in der Kirchentür. Gleichsam drei anonyme Wohntürme hat Thomas Schütte aus Karton, Schaumstoff und Sperrholz geschaffen. Wild im Duktus sind die Arbeiten von Pia Fries. Figuratives ist zu erahnen. Sieht man hier nicht auch sprudelnde Fontänen, wenn man vor einer unbetitelten Arbeit der Künstlerin innehält?

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Andreas Slominski (*1959) Kirchenfalle, 1998 Holz bemalt, Metall und Plexiglas 42 x 22 x 50 cm Kunst Museum Winterthur Ankauf mit Mitteln aus dem Legat Andreas Schweizer, 1999 Foto: Karl Fülscher, Unterstammheim

Thomas Scherbitz schuf nicht nur aus Messing einen glänzenden Stern, sondern zudem aus Holz eine sternförmige Wandinstallation, bei der man auch an eine Uhr mit großem Zeiger denken könnte. Rita McBride nimmt die urbanen Auswüchse der autogerechten Gesellschaft aufs Korn, indem sie aus Alublech einen skelettierten Parkdeckturm schuf und zudem Auf- und Abfahrten von Parkdeck zu Parkdeck. Und bei Baselitz steht mal wieder der Mensch auf dem Kopf. Etwas anderes ist von diesem Künstler auch nicht zu erwarten, oder?

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Gerhard Richter (*1932) Piz Sella, 1992 Edelstahl Ø: 16 cm Kunst Museum Winterthur Geschenk des Künstlers, 1999 Foto: SIK-ISEA, Zürich, Jean-Pierre Kuhn

Eine Kugel aus Edelstahl stammt von Gerhard Richter. „Piz Sella“ nannte er sein Werk. Schließlich ist da noch Isa Genzken, die aus Gips und Holz einen Turm mit und ohne Bezug zu Tatlin präsentiert. Soweit also das Thema Nord, sprich deutsche Kunst nach 1960. Und was bietet das weitere Thema, nämlich Süd? Generell italienische Kunst gleichfalls nach 1960.

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Rita McBride (*1960) Mid-Rise Automobile Parking Structure, 1994 Aluminiumguss, sandgestrahlt 107 x 36 x 55 cm Kunst Museum Winterthur Ankauf mit Mitteln aus dem Legat Curt und Erna Burgauer, 2007 Foto: SIK-ISEA, Zürich, Philipp Hitz

Lucio Fontana schaffte Raumdimensionen durch das Aufschlitzen von Leinwänden. Und die zeigt das Museum auch. Mario Merz ist nun nicht mit einem Glas- oder Reisig-Iglu in Winterthur präsent, aber auch mit einem Werk, das den Fibonacci-Zahlen gewidmet ist, auch wenn diese in falscher Reihung Teil von „Coccodrillo viola“ sind. Welcher Zusammenhang besteht eigentlich zwischen dem dargestellten Reptil, auf dem ein rosa Gebilde auf dem Rücken auszumachen ist, und den Fibonacci-Zahlen? Gleichsam wie eine Strickarbeit aus Kupferdraht, Nylon, Stahl und Holz erscheint Marisa Merz’ Arbeit „Scarpetto“, dt. „Fußtasche“. Inmitten des Geflechts sieht man ein Gebilde, das wie ein kleiner Bootskörper oder Schuh ausschaut. Bretter, die man wohl als Strandgut ansehen kann, hat Jannis Kounellis auf einem Regalbord aufgestellt, so als wären sie zum Verkauf bestimmt. Die Arbeit ist allerdings ohne Titel geblieben. Kein Mac und kein PC oder deren Innenleben zeigt uns Luciano Fabro, sondern ein skulpturales Gebilde aus 22 Alustäben und einem Stahldreieck auf einer Schiene. Und wie ist es um den binären Code bei diesem Werk bestellt?

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Thomas Scheibitz (*1968) Haus 1, 2000 Öl auf Leinwand 230 x 160 cm Kunst Museum Winterthur Ankauf, 2001 Foto: SIK-ISEA, Zürich, Philipp Hitz

Ein mit Textiltapete in barockem Rot und mit vegetabilen Mustern ausgekleideter Saal ist Projektionsfläche für die im Raum hängende Schlauchinstallation in Blau. Gilberto Zorio zeichnet dafür verantwortlich. 15 Stoffbahnen vereinte Guilio Paolini zu seinem Werk „Averroé“. Art und Anzahl der Flaggen, die miteinander verbunden wurden, sind unwesentlich. Sie stehen eher für das Postulat der universellen Vernunft, wie sie der andalusische Philosoph Averroes postuliert hat. Das allerdings erschließt sich nicht unmittelbar beim Betrachten des Werks, sondern erst beim Lesen des Textes im Ausstellungsbegleitfaltblatt.

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Luciano Fabro (1936–2007) Computer, 1988 Stahl und Aluminium 305 x 102 x 5.5 cm Kunst Museum Winterthur Legat Johannes Gachnang, 2006 Foto: SIK-ISEA, Zürich, Philipp

© ferdinand dupuis-panther

Infos

https://www.kmw.ch/museum/portrait-reinhart-am-stadtgarten/https://www.kmw.ch/besuch/



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