DAS PORTAL DEUTSCHSPRACHIGER REISEJOURNALISTEN


Basel
Kunstmuseum Basel | Neubau

Camille Pissarro - Das Atelier der Moderne bis 23.01.2022

« (…) Wir kommen vielleicht alle von Pissarro. Er hatte das Glück, auf den Antillen geboren zu werden, dort hat er das Zeichnen ohne Meister gelernt. Das hat er mir alles erzählt. Im Jahre 65 schloss er bereits Schwarz, Bitumen von Judäa, Terra di Siena und die Ockertöne aus. Das ist eine Tatsache. Male immer nur mit den drei Primärfarben und ihren direkten Derivaten. So sagte er mir. Der erste Impressionist, ja, das ist er.» So Paul Cézanne in «Conversations avec Cézanne».

campo

Le Champ de choux, Pontoise Künstler, Beteiligte: Camille Pissarro Entstehungszeit: 1873 Mat. / Technik: Öl auf Leinwand Masse: HxB: 60 x 80 cm Photo Credit: ©Archivo fotografico Museo Thyssen

Diese Wertschätzung des einen für den anderen bündelt sich in dieser Aussage Cézannes, der im Gegensatz zu Pissarro, der eine mehrköpfige Familie ernähren musste, mit seinen Arbeiten schon zu Lebzeiten großen Erfolg hatte, auch kommerziellen. Dies war Pissarro hingegen nicht vergönnt. Irgendwie schien er in der Szene der Impressionisten und Neoimpressionisten wie auch gesellschaftlich ein Außenseiter gewesen zu sein. Das hängt auch mit seiner Herkunft zusammen, aber wohl nicht nur, sondern auch mit seinem nicht einfachen Charakter.

Die jetzige Retrospektive ist seit sechs Jahrzehnten die erste in einem Schweizer Kunstmuseum. Dabei liegt der Fokus darauf, Pissarro als einen unterschätzten Künstler der 19. Jahrhunderts mehr ins Rampenlicht zu setzen. Diese Unterschätzung ist, schaut man sich seine Arbeiten in Öl oder in Kreide an, gänzlich unverständlich. Man werfe mal einen Blick auf die Zeichnung der Hügelkette nahe Montmartre oder Hafenansichten wie die Ansicht vom „Le Quai du Pothuis à Pontoise“, dann sehen wir brillant komponierte lebendige Szenerien, tauchen in diese ein, werden Teil des emsigen Geschehens am Kai in Pontoise, sehen einen Reiter und ein flanierendes Paar mit Kind, aber auch zwei Männer mit einem Lastenkarren, die wohl beim Löschen von Ladung gebraucht werden.

cezanne

Camille Pissarro, Paul Cézanne, Lucien Pissarro und andere Künstler im Garten in Auvers Künstler, Beteiligte: Unbekannter Fotograf Entstehungszeit: 1873

Pissarro wurde auf St. Thomas in der Karibik geboren, seiner Zeit eine dänische Kolonialniederlassung. Der als französischer Impressionist heute sehr angesehenen Maler war also von Geburt an eigentlich Däne. Zudem entstammte er einer jüdischen Kaufmannsfamilie. Das koloniale Schulsystem blieb ihm als Jude verwehrt, sodass er die Schule für Kinder afrikanischer Sklaven besuchen musste. Mit sechs Jahren kam er dann in Frankreich auf ein Internat, wuchs somit in zwei Kontinenten auf und erlebte noch die Aufhebung der Sklaverei durch den dänischen König.

Befreundet war Pissarro nicht nur mit Cézanne, sondern auch mit Monet, Renoir und Sisley, also mit den führenden Protagonisten des Impressionismus. Deren Arbeiten waren verpönt. Klassische akademische Landschaftsmalerei und Historiengemälde standen zeitgleich hoch im Kurs. Von den traditionellen Salons ausgeschlossen, musste die Genannten einen eigenen Salon ins Leben rufen, um sich öffentlich präsentieren zu können.

winter

Schneelandschaft in Louveciennes (Louveciennes, Chemin Creux) Künstler, Beteiligte: Camille Pissarro Entstehungszeit: 1872 Mat. / Technik: Öl auf Leinwand Masse: 46 x 55 cm

Die finanzielle Lage Pissarros war während seiner künstlerischen Laufbahn sehr prekär. Er war Vater von fünf Kindern, von denen zwei allerdings im Kindesalter verstarben. Das Prekariat kam auch deshalb zustande, weil der Künstler an Bildsujets festhielt, die augenscheinlich wenig gefragt waren: das Leben der ländlichen Bevölkerung. Hinzukam, dass während des deutsch-französischen Krieges Hunderte von Arbeiten vernichtet wurden. Preußische Truppen hatten das Haus in Pontoise konfisziert und sich dort eingenistet. In diese Zeit fällt auch der Verlust der Kunstwerke!

gw1

Le Boulevard de Pontoise à Argenteuil, neige Künstler, Beteiligte: Claude Monet Entstehungszeit: 1875 Mat. / Technik: Öl auf Leinwand Masse: HxB: 60.2 x 81.2 cm Inv. Nr.: Inv. 2320 Photo Credit: Kunstmuseum Basel - Jonas Haenggi

Pissarro war wirklich ein Freilichtkünstler, der leuchtende Tubenfarben bevorzugte. Diese setzte er übereinander, mischte sie auf der Palette und grundierte seine Leinwände gleich zweimal mit weißer Farbe. Eindrucksvoll sind unter anderem Pissarros Winterbilder, immer dabei im Kopf habend, dass der Künstler mit Schemel, Palette, Staffelei und Farben unterwegs war und sich wahrscheinlich über Stunden während der kalten Jahreszeit draußen aufgehalten hat. Zu diesen Winterbildern gehört u. a. „Der Teich bei Montfoucault“. Ähnlich wie die Winterbilder sind für das Werk von Pissarro auch seine Straßenbilder typisch. Dabei verlieren sich die Straßen in der Ferne, so auch die „Route de Versailles“ unter hoch stehender Sonne. Man betrachte einmal die verschiedenen Sandtöne, die Pissarro für diese Ansicht auf die Leinwand gebannt hat. Nicht minder überzeugend ist das Gemälde von einer Straße in Pontoise, deren Farbnuancen eine Nähe zu Cézanne verraten. Gekonnt hat der Künstler die Straße als Diagonale im Bildformat ausgeführt. Auch an Monet muss man denken, steht man vor Arbeiten von Pissarro. Motivisch findet man bei Monet, so in „Schnee bei Argenteuil“, das Sujet „Straße“ als zentrales Bildmotiv.

Pissarro ging stets mit der Zeit, malte auch wie die Luministen – man denke an Georges Seurat und seine Gemälde mit Lichtpunktauflösungen. Pissarro unterschied sich von der „Verpixelung“ Seurats dadurch, dass er strichig-klecksige Farbtupfer aneinander reihte. So entstanden stimmungsvolle Arbeiten, die auch Wetterphänomene wie Nebel in Gemälden festhielt, so „Die Insel Lacroix, Rouen“ . Und zum stilistischen Vergleich schaue man sich Seurats „Die Mündung der Seine bei Honfleur“ an.

aepfel

Nature morte aux pommes et pichet Künstler, Beteiligte: Camille Pissarro Entstehungszeit: 1872 Mat. / Technik: Öl auf Leinwand Masse: 46.4 x 56.5 cm Photo Credit: The Metropolitan Museum of Art, New York

Das Landleben, die Dorfgemeinschaft, die Feldarbeit von Bauern und deren Kindern waren neben den Winter- und den Straßenbildern ein weiteres Sujet, dem Pissarro intensiv nachging. „Blick von Champigny auf La Varenne St Hilaire“ ist eine Arbeit aus diesem Kontext. Dabei scheint der Künstler noch ein wenig den Geist der Romantik und des Naturalismus zu pflegen. Hinter einer Reihe hoher schlanker Bäume sieht man die versteckt erscheinenden weißen Häuser eines Dorfes. An einer Weggabelung steht eine Bäuerin, bei deren Anblick man sich als Betrachter fragt, auf wen sie denn da wartet. Eingefangen wurde die Szene in Pissarros „Landschaft in Louveciennes“, ein Motiv das in Variationen im Werkkanon des französischen Impressionisten zu finden ist. Auch eine Schneelandschaft in Louveciennes gehört zu diesem Kanon.

montmatre

Le boulevard Montmartre, printemps 1897 Künstler, Beteiligte: Camille Pissarro Entstehungszeit: 1897 Mat. / Technik: Öl auf Leinwand Masse: 46.2 x 55 cm

Der Wechsel der Jahreszeiten und der Wechsel des Lichts je nach Wolkenbildungen oder klarem Himmel beschäftigten den Künstler des weiteren. „Junimorgen in Pontoise“ veranschaulicht das nachdrücklich: Ein sich durch ein Kornfeld windender Weg verliert sich in der Ferne. Kuppige Hügel sind im Hintergrund auszumachen. Quellwolken sind am Himmel zu sehen. Auf dem Weg entfernen sich einige Menschen. Wohin führt wohl ihr Weg? So fragt sich der Betrachter.

Die enge Beziehung von Cézanne und Pissarro spiegeln nicht nur die jeweiligen Porträts wieder, sondern auch Stillleben mit Äpfeln, die so glänzend-pausbäckig und verführerisch rot ausschauen, dass man sogleich in sie hineinbeißen möchte. Die Landschaften von Cézanne scheinen eher flächig strukturiert, durchaus auch geometrisiert gegliedert. Pissarro hingegen nutzte Farbtupfer und kurze Pinselschläge, um seine Landschaften und jahreszeitliche Eindrücke auf die Leinwand zu bannen. Man denke in diesem Zusammenhang auch an „Frühling, Blühender Pflaumenbaum“.

aehrenleserinnen

Les Glaneuses Künstler, Beteiligte: Camille Pissarro Entstehungszeit: 1889 Mat. / Technik: Öl auf Leinwand Masse: HxB: 65.4 x 81.1 cm Inv. Nr.: Inv. G 2021.8 Photo Credit: Kunstmuseum Basel - Jonas Haenggi

Pissarro, das wurde schon weiter oben angerissen, war nicht nur Impressionist, sondern auch Neoimpressionist, stellte das Licht in den Mittelpunkt von einigen seiner Werke. „Die Ährenleserinnen“ ist eine der zentralen Arbeiten jener Schaffensphase. Auch „Ernte der Bäuerinnen“ (1886) gehört zu einem Kanon von Gemälden, die denen von Seurat und Luce durchaus ebenbürtig sind. Pissarro war aber nicht nur ein „Meister des Lichts“, sondern auch ein begnadeter Zeichner, siehe unter anderem sein Selbstporträt von 1890. Ähnlich wie andere Künstler war Pissarro aber auch zugleich ein Chronist der Zeit, der den industriellen Wandel künstlerisch begleitet hat. Seine Hafen- und Stadtansichten zeugen davon, ob er nun den Boulevard Montmartre des nachts malte oder aber die Dampfschiffe im Hafen von Rouen.

© ferdinand dupuis-panther

baeurein

Femme au fichu vert Künstler, Beteiligte: Camille Pissarro Entstehungszeit: 1893 Mat. / Technik: Öl auf Leinwand Masse: HxB: 65.5 x 54.5 cm Photo Credit: Photo © RMN-Grand Palais (musée d'Orsay) - © Franck Raux

Informationen
https://kunstmuseumbasel.ch


zur Gesamtübersicht Ausstellungen