Das Nationalarchiv in Girne


Der zweistöckigen Villa in der Mustafa Cagatay Caddesi östlich von Girnes Stadtzentrum sieht man die geballte Menge dokumentierter Geschichte hinter ihren Mauern nicht an. Was hier an Gedrucktem aufbewahrt wird, geht über die eigentlichen Archivalien im strengen Sinne -amtlichen Dokumenten rechtlichen und politischen Inhalts- weit hinaus. Neben der geordneten Sammlung und Erschließung von Urkunden und Akten, bemüht sich das Haus um den Erwerb einheimischer zypernrelevanter Veröffentlichungen. Auch ausländische, die zyprischen Belange berührende Publikationen, werden, soweit beschaffbar und finanzierbar, in den Bestand aufgenommen. Die Möglichkeit des Zugriffs auf Archivalien u n d Buchbestände kommt dem zweiten wichtigen Tätigkeitsfeld dieser Institution sehr entgegen : seiner Funktion als Forschungszentrum für historische und gegenwartsbezogene Fragen. Beträchtliche Mengen historisch bedeutsamer Schriftstücke dokumentieren die Rolle, die Zypern in der Geschichte des östlichen Mittelmeerraumes spielt(e). Ein Großteil lagert in den Archiven von Venedig, Malta, Genua, Istanbul, Ankara, London - um nur die wichtigsten zu nennen. Gegenüber diesen oft noch ungesichteten Papierbergen, ist der Bestand des Archivs in Girne relativ gut erschlossen. Er läßt sich den folgenden Perioden zuordnen : Osmanische Epoche (1571-1878), Britische Kolonialzeit (1878-1960), Die Zeit der Republik Zypern (1960-1963), Vom Zerfall der bikommunalen Republik bis zur Gründung der TRNC (Ende 1963-1983), Die TRNC (1983 bis heute).

Pläne, zyprische Urkunden, Akten und andere Schriftstücke für kommende Generationen zu sichern und sie der wissenschaftlichen Forschung zugänglich zu machen, gehen auf das Jahr 1971 zurück. Initiator des anspruchsvollen Vorhabens war Mustafa Hasim Altan - noch heute unermüdlicher Spiritus rector des Archivs. Er gab den Anstoß, im Besitz der Bevölkerung befindliche und zumeist in ihrer Bedeutung unterschätzte Dokumente und Urkunden für das Archiv zu erwerben. Anläßlich des Besuches festlandstürkischer Archive (darunter des Vakiflar-Archivs der religiösen Evkaf-Stiftung und des Türkischen Nationalarchivs "Türkiye Büyük Millet Meclisi Arsivi") ließ M.H. Altan 20.000 und 1974 weitere 10.000 Zypern betreffende Dokumente für das neue Archiv mikroverfilmen. Aus der provisorischen Unterbringung in Lefkosa, zog das Archiv im Dezember 1974 in sein neues Domizil in Girne, das Anfang 1975 von Präsident Denktas eröffnet wurde.

Archivierung und Klassifizierung von Dokumenten studierte M.H. Altan in England, Deutschland und Österreich. Er spricht fließend Englisch und beherrscht die griechische, arabische, persische und alttürkische Sprache und Schrift. Dem Studium des Islam an der Theologischen Fakultät der Istanbuler Marmara-Universität folgte die Einstellung im Büro des Müftü, des Oberhaupts der muslimischen Gemeinde Zyperns. Hier und für die religiöse Stiftung Evkaf arbeitete er an verschiedenen Projekten, so dem Aufspüren und Sammeln von Dokumenten und der Transkription osmanischer Texte in die lateinische Schrift. Seine danach mit viel Elan organisierte Aufbauarbeit für das künftige Nationalarchiv kann sich sehen lassen ! Hier eine Auswahl aus dem Bestand : Korrespondenzen der zyprischen Gouverneure mit der Hohen Pforte in Istanbul, Steuermatrikeln (müfüs defterleri) für 1770-1878, Gerichtsprotokolle, Bevölkerungsregister, Fermans (Anordnungen) der Hohen Pforte, Criminal Order Books (aus engl. Zeit), The Cyprus Gazette (ab 1878) für amtliche Mitteilungen, Zeitungen in griechischer, türkischer und englischer Sprache (z. T. ab 1893), Monographien, Landkarten, Presseclippings . . .

M.H. Altan stützt sich auf eine Reihe hochqualifizierter Mitarbeiter, die den zahlreichen ausländischen Gästen des Instituts wertvolle Hilfestellung geben können. Wer zu Forschungszwecken die Bestände des Nationalarchivs nutzen möchte, kann auf eine schriftliche Anfrage mit einer raschen Zusage rechnen. Als "official repository of all state documents" wird das Archiv seine Sammlungen laufend erweitern und -wie M.H. Altan hofft- auch aus privater Hand noch das eine oder andere wertvolle Schriftstück erwerben. "Dokumente", so betont er, seien "das Gehirn der Menschheit, ein unveränderbares Gedächtnis, hilfreich bei der Suche nach der Wahrheit".





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