Talfahrt auf dem Mittellandkanal

Auf einer Kreuzfahrt von Potsdam nach Münster passiert MS „Katharina von Bora“ vier Bundesländer

Text und Fotos: Dagmar Krappe

Die Zählung seiner 325 Kilometer beginnt am „Nassen Dreieck“. In der Nähe der Kleinstadt Hörstel zweigt Deutschlands längste künstliche Wasserstraße, der Mittellandkanal (MLK), vom Dortmund-Ems-Kanal ostwärts ab und schlängelt sich quer durchs Land. Von Westfalen über Niedersachsen bis Sachsen-Anhalt. Der ab 1906 erbaute Wasserweg ist ein wichtiges Bindeglied für die Güterschifffahrt zwischen Rhein, Ems, Weser, Elbe und Oder.

Startpunkt des Flusskreuzfahrtschiffs „Katharina von Bora“, dessen Namensgeberin die Ehefrau des Reformators Martin Luther ist, ist Brandenburgs Hauptstadt Potsdam. Über die Havel, den kompletten Mittellandkanal und weitere Wasserstraßen wird die rot-weiß gestrichene „Lady“ in knapp einer Woche gemächlich bis ins westfälische Münster schippern. Glücklicherweise ist sie kein schwimmendes Hochhaus, denn auf ihrem Törn hat sie rund 450 Brücken zu unterqueren. Die niedrigste ist nur viereinhalb Meter hoch. Bei der markanten in zwei Grüntönen gestrichenen Glienicker Brücke ist aber noch genug Luft nach oben. Hier können die Passagiere bequem auf dem Sonnendeck stehen und über die Reling schauen. Die „Agentenbrücke“ verbindet das einstige West-Berlin mit Potsdam und diente während des Kalten Krieges mehrere Male zum Austausch von politischen Gefangenen zwischen westlichen Staaten und dem Ostblock.

Früher als erwartet macht Kapitän Manfred Kohn am Anleger Neustädtisches Wassertor in der Kleinstadt Brandenburg fest. Somit bleibt vor dem viergängigen Abendmenü Zeit für einen Waldmops-Rundgang. Seit einigen Jahren haben sich um die 25 wilde Bronze-Möpse in der Stadt ausgebreitet. Sie schnüffeln auf Rasenflächen und Gehwegen, schlafen auf Treppen, stehen an Brunnen oder heben ein Bein. „Ein Leben ohne Mops ist möglich, aber sinnlos“, meinte einst Vicco von Bülow alias „Loriot“, der in diesem Ort das Licht der Welt erblickte und Ehrenbürger wurde. Er war Mops-Liebhaber und bediente sich ihrer für seine Sketche. Unterhalb der Jahrtausendbrücke leuchtet nach jahrelangem Leerstand ein saniertes Werftgebäude, das sich in ein schickes Restaurant verwandelt hat. Auch auf der „Katharina von Bora“ ist inzwischen angerichtet. 65 Gäste lassen sich gefüllte Maispoulardenbrust in Sherry-Kerbelsoße oder gebratenes Haiwelsfilet in Zitronen-Koriander-Soja-Dip schmecken.

Im Jahr 2000 lief die „Katharina von Bora“ bei der heutigen Schiffbau- und Entwicklungsgesellschaft Tangermünde (SET) in Sachsen-Anhalt vom Stapel. Verlaufen kann sich niemand bei nur 83 Metern Länge. Auf dem Ober- und Hauptdeck existiert nur je ein Gang von dem die Doppel- und Einzelaußenkabinen abzweigen. Hinter den Türen dominieren Mahagoni, Messing und maritimes Blau. Direkt neben dem Empfangstresen geht es in den mit vielen roten Sesseln ausgestatteten und dadurch ein wenig plüschig wirkenden Salon. Ein Deck tiefer befindet sich das in gelb-blauen Farbnuancen gehaltene Restaurant. Rund 20 Crewmitglieder aus elf Nationen kümmern sich um das Wohl der Gäste und des Schiffs. Die Discokugel am Abend sucht man vergebens. Aber in den Salon ist eine kleine Bar integriert. Der Mann am Flügel lädt hin und wieder auf die Tanzfläche ein. Doch wer an Bord kommt, möchte Landschaft genießen und sich mit Kulinarik verwöhnen lassen. Beides gibt es reichlich.

Über die Schleuse Wusterwitz erreicht das Schiff den Elbe-Havel-Kanal. 55 Kilometer führt er durch Sachsen-Anhalt, bis er an der Doppelsparschleuse Hohenwarthe nördlich von Magdeburg in den Mittellandkanal übergeht. Mehr als 15 Meter wird die „Katharina von Bora“ angehoben. „Trotzdem befinden wir uns auf Talfahrt, da wir den Kanal in Ost-West-Richtung, also entgegen der Kilometrierung, befahren“, erklärt Kapitän Kohn. Kurz darauf überquert das Schiff am Wasserstraßenkreuz Magdeburg auf einer fast einen Kilometer langen Trogbrücke die Elbe. 1942 war der MLK bis auf die Überführung über den Fluss fertiggestellt. Der Zweite Weltkrieg und die Teilung Deutschlands verhinderten den Weiterbau bis nach der Wende. „Erst 2003 wurde diese Vision der Ost-West-Verbindung als „Verkehrsprojekt Deutsche Einheit Nummer 17“ realisiert“, informiert der Kapitän. „Bis dahin mussten Schiffe den zeitraubenden Umweg über die Elbe und Verbindungskanäle mittels Schleusen und Hebewerk in Kauf nehmen.“ Letzteres dient heute nur noch touristischen Zwecken. Für die Verbindung zur Elbe sorgt die moderne Sparschleuse Rothensee. Von einem Aussichtsturm lassen sich die Schleusungen der Güter- und Tankschiffe hautnah beobachten.

Nach der Technik folgt Kultur in Magdeburg. Gästeführer Burkhard Freund klärt auf, warum Kaiser Otto der Große und Wissenschaftler Otto von Guericke der Hauptstadt Sachsen-Anhalts den Namen Ottostadt einbrachten. Unweit des Elbufers thront der Dom Sankt Mauritius und Katharina. Auch das 2005 fertig gestellte pinkfarbene Hundertwasserhaus „Grüne Zitadelle“, das Wohnungen und Geschäfte beherbergt, ist ein Hingucker. Wie viele Projekte des österreichischen Künstlers lebt das Gebäude von unebenen Fußböden, ungleichen Fenstern, bunten Säulen, goldenen Kugeln und einem begrünten Dach.

Am Abend schälen sich die vier markanten Schornsteine des Volkswagen-Werks im niedersächsischen Wolfsburg aus dem Dunst. Wer Wolfsburg hört, denkt an VW. Tatsächlich gehen die Ursprünge auf den Autohersteller zurück. Ab 1938 entstand in der landwirtschaftlich geprägten Region zwischen Braunschweig und Fallersleben eine neue Stadt. Hier sollte der VW-Käfer gebaut werden. Die Nazis entschieden sich für den Namen "Stadt des KdF-Wagens bei Fallersleben" (KdF = „Kraft durch Freude“). Seit 1945 heißt der Ort Wolfsburg. Benannt nach einem Schloss, dessen Turm an der Steuerbordseite hinter dem modernen Fußballstadion hervorlugt.

Ab jetzt herrscht Rushhour auf dem MLK. Tankschiffe und Schubverbände mit Holz, Altpapier, Kohle oder Getreide beladen tuckern vorbei. Am Heck flattert die niederländische, deutsche, polnische oder tschechische Flagge. Einige Sportboote haben sich ebenfalls auf den Weg gemacht. Vor der Schleuse Sülfeld muss sich die „Katharina von Bora“ über eine Stunde gedulden, bis sie an der Reihe ist. Die heutige Nacht verbringen Schiff und Passagiere im tristen Nordhafen von Hannover. Im Schnelldurchlauf erklärt Gästeführer Florian Meyer am nächsten Morgen die niedersächsische Landeshauptstadt. Steigt tief ein in die Geschichte der Welfen. Von den Herrenhäuser Gärten geht es zum Neuen Rathaus, das längst über 100 Jahre alt ist, und zum künstlich angelegten Maschsee. „Von Hannovers Altstadt blieb nach dem Zweiten Weltkrieg nicht viel übrig“, erzählt Meyer: „Die Marktkirche und das Alte Rathaus waren größtenteils zerstört. Auch die prächtigen Fachwerkhäuser in der Burg- und Kramerstraße sind fast alle rekonstruiert.“ Ebenso das Leibnizhaus, in dem der Philosoph und Hofbibliothekar Gottfried Wilhelm Leibniz Anfang des 18. Jahrhunderts wohnte. Nach ihm ist der Leibniz-Butterkeks benannt, der vor 130 Jahren in Hannover auf den Markt kam.

Dann nimmt die „Katharina von Bora“ Kurs auf Minden in Westfalen. In Hafenbereichen oder wenn sich Industriebetriebe direkt am Kanal niedergelassen haben, ist er überwiegend mit Spundwänden ausgekleidet. Ansonsten säumen Böschungen das Ufer. Immer wieder bleiben Radler oder Gassigänger verwundert stehen oder winken. Ein Flusskreuzfahrtschiff ist etwas Ungewöhnliches auf dem MLK, denn er wurde schließlich für die Frachtschifffahrt gebaut. Genau das ist der Grund, warum die Brücken so niedrig sind und Kapitän Kohn das Steuerhaus ständig runter- und wieder hochfahren muss. Am letzten Tag wird sogar die Reling abgebaut und das Sonnendeck für Passagiere gesperrt. Beim Wasserstraßenkreuz Minden wird der MLK mittels zweier Trogbrücken über die Weser geführt. Die alte Schachtschleuse von 1914, die moderne Weserschleuse und das Hauptpumpwerk kann man auf einem Rundweg genauer erkunden. Auf der Backbordseite ist am Horizont das Kaiser-Wilhelm-Denkmal an der Porta Westfalica, der Pforte nach Westfalen, zu erkennen. Hier trennt die Weser das Wiehen- vom Wesergebirge und fließt in die norddeutsche Tiefebene hinein. Statt Industrieanlagen breiten sich zunehmend Weiden, Maisfelder, Bauernhöfe und kleine Dörfer an den Ufern aus.

Am späten Nachmittag erreicht das Schiff den Kilometer 0 und biegt am „Nassen Dreieck“ in den viel befahrenen Dortmund-Ems-Kanal ein. Noch knapp vier Stunden bis zum Stadthafen Münster, der sich vom Güterumschlagplatz zum Kreativkai mit Bürohäusern, Kunst, Kultur und Restaurants verwandelt hat. Bevor es nach einem letzten Frühstück an Bord zum Bahnhof und auf die Heimreise geht, folgt ein Rundgang durch die k.u.k.-Stadt, wie Gästeführerin Annette Stadtbäumer sie bezeichnet: „Denn Münster prägen Kirchen und Kneipen. Letztere werden vor allem von Studenten besucht, die ein Fünftel der Einwohner ausmachen. Sie sind meist mit der „Leetze“ unterwegs. Das ist der hiesige Ausdruck für Fahrrad.“ Punkt zehn Uhr schallen die Glocken der Sankt-Lamberti-Kirche über den Prinzipalmarkt. „Entweder regnet es in Münster, oder es läuten die Glocken“, sagt Annette Stadtbäumer und grinst: „Geschieht beides gleichzeitig, ist Sonntag.“ Über dem Sankt-Paulus-Dom zieht ein grauschwarzer Himmel auf. Aber Sonntag ist zum Glück erst morgen.

 

Reiseinformationen

Informationen

Das Schiff

MS „Katharina von Bora“ ist für 80 Passagiere ausgelegt. Dazu sind um die 20 Crewmitglieder an Bord. Gebaut im Jahr 2000 in Tangermünde an der Elbe in Sachsen-Anhalt. 83 Meter lang und 9,5 Meter breit. Es gibt 1- und 2-Bett-Außenkabinen. Die Kabinen auf dem Hauptdeck haben nicht zu öffnende Panoramafenster. Die teureren Kabinen auf dem Oberdeck verfügen über einen französischen Balkon. Es gibt ein Panorama-Restaurant, einen Panorama-Salon mit Bar und ein großes Sonnendeck.

Die Gesamtstrecke beträgt zirka 470 Kilometer.

Informationen zu den Wasserstraßenkreuzen Magdeburg und Minden

www.magdeburg-tourist.de

www.minden-erleben.de

MS „Katharina von Bora“ ist auch auf der Strecke Potsdam – Stettin – Usedom – Rügen – Stralsund und umgekehrt unterwegs.

Informationen zu Terminen und Preisen

nicko cruises
Mittlerer Pfad 2
70499 Stuttgart
Tel.: 0711 24898044
E-Mail: info@nicko-cruises.de
www.nicko-cruises.de

 

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