In drei Zügen durch die Schweiz

Unterwegs auf der GoldenPass Linie zwischen Luzern und Montreux

Text und Fotos: Dagmar Krappe

Schweiz - GoldenPass Line zwischen Luzern und Montreux

Schweizer Uhren sind berühmt für ihre Präzision. Schweizer Züge für ihre Pünktlichkeit. Da die Eidgenossenschaft die höchste Eisenbahndichte der Welt hat, kann man das Land bequem mit dem Zug erkunden. 1.300 Bahnkilometer umfasst die „Grand Train Tour of Switzerland“. Davon nimmt die „GoldenPass Line“ 210 Kilometer für sich in Anspruch. Sie eignet sich perfekt, um die Schweiz in fünf Stunden von Ost nach West zu durchqueren, von Luzern am Vierwaldstätter nach Montreux am Genfer See. Da es auf der Strecke unterschiedliche Spurweiten gibt, ist es notwendig, zweimal den Zug zu wechseln. Ich habe mir den „Swiss Travel Pass“ gegönnt, da ich einige Tage in der Schweiz unterwegs sein werde. So kann ich mit einem einzigen Fahrausweis bequem zwischen Zügen, Bussen und Schiffen wechseln. Es gibt ihn für drei bis 15 Tage. Bei den meisten privaten Bergbahnen erhalte ich 50 Prozent Ermäßigung, und er garantiert mir kostenlosen Eintritt in fast 500 Museen.

Schweiz - das Wahrzeichen Luzerns: die Kapellbrücke

Die Kapellbrücke am Abend

Das Wahrzeichen Luzerns (1) ist die Kapellbrücke mit dem achteckigen Wasserturm, eine hölzerne Fußgängerverbindung zwischen den beiden Ufern der Reuss. „Sie stammt wie die kürzere Spreuerbrücke aus dem 14. Jahrhundert und war Bestandteil der Stadtbefestigung“, erklärt Christina Gerritsen: „Über die Jahrhunderte wurde sie mindestens zehnmal umgebaut, saniert und zum Teil vollständig erneuert. Ihren Namen erhielt sie nach der benachbarten Sankt-Peters-Kapelle.“ Berühmt ist die Kapellbrücke für ihren gemalten Bilderzyklus mit geistlichen Darstellungen und zur Schweizer Geschichte. „Im Sommer 1993 wurden rund zwei Drittel der 110 rechteckigen Holztafeln durch einen Brand zerstört oder stark beschädigt“, sagt die Gästeführerin: „Einige ließen sich restaurieren, und es gab noch 25 Giebelgemälde, die eingelagert waren, und nun als Ersatz genommen werden konnten. Acht Monate nach dem Brand wurde die Kapellbrücke wieder eröffnet.“ Ähnliche Holztafeln befinden sich auch unter dem Dach der Spreuerbrücke, in deren Nähe sich das über 150 Jahre alte Nadelwehr befindet. Noch heute wird der Wasserstand des Vierwaldstättersees per Hand geregelt, indem man Nadeln (Holzbohlen) herausnimmt oder einsetzt. Gleich dahinter erhebt sich noch ein Teil des einstigen Befestigungsrings, die Museggmauer mit neun Türmen. Meine Reise auf der GoldenPass Linie startet am modernen Luzerner Bahnhof, der mitten in der Stadt und fast direkt am See liegt. Auch der Bahnhof brannte 1971 ab. Vom ursprünglichen Gebäude von 1896 blieb nur das Jugendstil-Portal erhalten. „Hinter ihm befindet sich heute die Lüftungsanlage für den 1991 eingeweihten neuen Kopfbahnhof“, informiert Christina Gerritsen.

Schweiz - Kapellbrücke on Luzern mit Bilderzyklus

Bilderzyklus unter dem Dach der Kapellbrücke

Es ist kurz nach elf Uhr. Jede Stunde und zu jeder Jahreszeit begibt sich ein rotweißer Luzern-Interlaken-Express der Zentralbahn (zb) mit nüchterner InterRegio-Ausstattung auf eine Vier-Seen-Tour. Aus Kostengründen entschied man sich Ende des 19. Jahrhunderts für eine meterspurige Schmalspurbahnlinie. Auf besonders steilen Strecken kommt ein zusätzlicher Zahnradantrieb zum Einsatz. Die Mittagssonne lässt ein paar Sterne auf dem blauen Wasser des Vierwaldstättersees funkeln. Luzerns Hausberg, der über 2.000 Meter hohe Pilatus, hat sich leider in eine weiße Wolkendecke gehüllt. Hinter dem Lopper-Tunnel verläuft die Bahnstrecke am steilen Ufer des Alpnachersees entlang. Um den Pilatus zu erklimmen, könnte man in Alpnachstad in die „steilste Zahnradbahn der Welt“, die Pilatusbahn, umsteigen. Die maximale Steigung beträgt 48 Prozent. Die Strecke wurde 1889 eröffnet. Seit 1937 fahren rote Elektrozüge. Doch die GoldenPass Linie führt weiter gen Westen und erreicht kurz hinter Sarnen das Nordufer des Sarnersees. Gemächlich steigt die Trasse bergan. Grüne Nadelbäume fliegen an den Fenstern vorbei. Plötzlich eine Durchsage: „Die Regenfälle der letzten Tage waren so intensiv, dass es zu mehreren Erdrutschen auf der Strecke gekommen ist. Zwischen Kaiserstuhl und Lungern ist aus diesem Grund Schienenersatzverkehr erforderlich.“ Drei Reisebusse stehen am Bahnhof bereit. Schnell sind die Koffer verstaut. Doch einige Fahrgäste sind nervös. Wird der Anschluss nach Zweisimmen in Interlaken erreicht? „Kein Problem“, meint Busfahrer Ueli: „Wir sind schneller als die Bahn.“ Der tiefgrün schillernde Lungernsee in über 600 Metern Höhe wird nun zum Busfenster-Panorama-Erlebnis. Ab Lungern bin ich wieder auf der Schiene. Saftige Wiesen zeigen sich von ihrer grünsten Seite. Entlang schroffer Felswände erklimmt der Zug den über 1.000 Meter hohen Brüningpass, um bis Meiringen wieder 400 Meter hinunterzuklettern. Dann rauscht er am Fluss Aare dem Ort Brienz entgegen. Eine 800-Milimeter-Schmalspurbahn, die Brienz-Rothorn-Bahn, dampft von hier seit 1892 auf rund acht Kilometern auf das Brienzer Rothorn in fast 2.250 Metern Höhe.

Schweiz - Blick Richtung Jungfraujoch von Interlaken aus

Blick Richtung Jungfraujoch von Interlaken aus

Aber der Luzern-Interlaken-Express hat längst wieder Fahrt aufgenommen und bietet Schweiz-pur-Ausblicke auf Brienzer See und ewig weiße Gipfel. Einfahrt nach 80 Kilometern und zwei Stunden in Interlaken-Ost (2). Ja, die Schweiz ist teuer und noch teurer geworden, seit der Franken nicht mehr an den Euro gekoppelt ist. Briten und Deutsche sind rar im weltbekannten Skiort. Russen bleiben vermehrt zu Hause, seit der Rubel nicht mehr rollt. Dafür haben indische Familien und junge Asiaten den Ort mit Selfi-Stangen voll im Griff. Posieren entlang der grünen Aare oder vor dem Grand Hotel Victoria Jungfrau. Stürmen die gelbblauen Züge der Berner Oberland-Bahn, um über Grindelwald oder Lauterbrunnen weiter mit der Wengeralp- und Jungfraubahn zum höchsten Bahnhof Europas auf 3.454 Metern zu fahren, um dem Dreigestirn Eiger, Mönch und Jungfrau ganz nah zu sein. Ob die Araberinnen unter ihrer Burka genauso enthusiastisch sind? Die zahlreichen tief verschleierten Frauen, die neben ihren streng guckenden Männern durch dem 5.000-Einwohner-Ort schlendern, wirken ein wenig unwirklich in der Schweizer Bergwelt. Auf der Terrasse des Grand Cafés Hapimag im Höheweg verzehre ich für satte 16 Franken die teuerste Portion Erdbeeren (mit einer Kugel Vanilleeis) meines Lebens. Nicht minder surreal – odr?

Am späten Nachmittag rollt auf Gleis 8 ein grünweißer GoldenPass Panoramic Zug der BLS ein. „Die Waggons stammen aus den 1980er Jahren“, meint Zugbegleiter Fabian: „Beste Aussichten für Fotografen. Man kann die Fenster noch öffnen.“ 75 Minuten dauert nun der zweite Teil der Reise auf Normalspurgleisen bis Zweisimmen. Gleich hinter dem Bahnhof wechselt der Zug über die Aarebücke zum Nordufer des Flusses. Zuckelt an einigen Grünanlagen vorbei und überquert die Aare noch einmal, um danach Interlaken West wie eine Straßenbahn zu durchfahren. Schon rattert der GoldenPass mit maximal 80 Kilometern pro Stunde bis Spiez immer am Thunersee entlang. Ich lehne mich zurück. Einfach herrlich, die Ausblicke in der Schweiz. Warum nur muss sie so teuer sein? Hinter Spiez prägt das Simmental mit kleinen Gehöften und weidenden braunweiß gefleckten Kühen die Landschaft. Viehzucht und Milchwirtschaft haben hier jahrhundertelange Tradition.

Schweiz - GoldenPass Panoramic Zug

GoldenPass Panoramic - VIP-Plätze

Noch einmal umsteigen heißt es in Zweisimmen (3). Bis an den Genfer See verläuft nun die Montreux-Berner Oberland-Bahn (MOB) wieder auf Ein-Meter-Schmalspurgleisen. Zug Nummer Drei hat endlich die Farbe, die man auf einer GoldenPass Line erwartet. Goldweiße, futuristische Triebwagen und Waggons stehen abfahrbereit auf dem Bahnsteig gegenüber. Es ist der neue GoldenPass Panoramic mit VIP-Plätzen. Diese befinden sich jeweils in den Triebwagenköpfen und garantieren die gleiche freie Sicht auf die Strecke wie sie der Lokführer hat. Er sitzt in seinem Führerstand über den Passagieren. Sämtliche Sessel in der ersten Klasse sind individuell drehbar, so dass man kein Highlight entlang der Trasse verpassen muss. Doch die meisten Reisenden sind Einheimische, die sich in ihr Tablet oder Buch vertiefen. Mit mir haben sich nur Karun und Chidra aus Arizona den Zuschlag von 15 Franken für den VIP-Platz in der ersten Reihe gegönnt. Sie seien vor zehn Jahren von ihrer IT-Firma von Bangalore in Indien in die USA entsandt worden und geblieben, meint Chidra. Jetzt ist das junge Ehepaar auf zweiwöchiger Europa-Tour durch Italien, die Schweiz, Frankreich und Spanien. Seit Zweisimmen bewegt sich der Zug wieder in höheren Lagen um die 1.000 Meter.

Schweiz - Landschaft zwischen Zweisimmen und Montreux

Landschaft zwischen Zweisimmen und Montreux

Woher bekam die Bahnlinie ihren Namen „GoldenPass“ möchte ich von Zugbegleiter Jean wissen. „In den 1920er Jahren kamen viele reiche Briten in die Schweiz zum Überwintern. Im Oktober war das Laub der Weinberge und Bäume golden gefärbt. Drei Pässe überquert der Zug auf der Strecke zwischen Luzern und Montreux. So ergab sich schließlich der Name GoldenPass Line.“ Vor 40 Jahren baute die Montreux-Berner Oberland-Bahn den ersten Panoramawagen in der eigenen Werkstatt. Wieder war eine Britin zu Gast. Diesmal Königin Elisabeth II. höchstpersönlich. Sie machte diese neue Art des Reisens schnell populär, und viele andere Bahnen setzen seitdem auf Panoramawaggons. Inzwischen schaukelt der Zug weiter durch die Schweizer Berg- und Tal-Landschaft mit Heustadeln und Holzhäusern mit üppig bepflanzten Balkonkästen. Mit dem direkten Blick nach vorne auf die Gleise gleicht die Zugfahrt über hohe Brücken und durch viele Kurven fast einer Achterbahnfahrt. Vor allem wenn von weitem ein Zug entgegenkommt, kribbelt es so manches Mal im Magen. Doch alle Weichen sind richtig gestellt. „Neben diesem „Panoramic-Zug“ gibt es auch noch den GoldenPass Classic“, berichtet Jean: „Er besteht aus alten Belle-Epoque-Waggons mit Holzverkleidungen, Polstersesseln und Gepäckablagen aus Messing.“

Schweiz - GoldenPass Classic-Waggon

Blick in einen GoldenPass Classic-Waggon

Gstaad am Fluss Saane mit seinen typischen Holzchalets ist erreicht. Nachdem der Ort 1905 an die Bahnlinie Bern-Montreux angeschlossen wurde, verwandelte sich das kleine Dorf in einen mondänen Skiort für den internationalen Jetset. Hinter Saanen überquert der Zug den „Röstigraben“, die Sprachgrenze zwischen der deutschen und der französischen Schweiz. Dies ist sofort an den Ortsnamen ersichtlich. Der erste Bahnhof im Kanton Waadt heißt Rougemont. Steil geht es nun wieder abwärts. Doch trotz großer Steigungen und Gefälle meistert der Zug alles ohne Zahnstange. Hinter Montbovon bietet der GoldenPass Panoramic seinen Passagieren einen Rundumblick ins Greyerzer Tal, bevor er sich noch einmal auf über 1.000 Höhenmeter begibt, um danach durch zahlreiche Serpentinen und Tunnel wieder 700 Meter hinunter zu schaukeln bis in die 25.000-Einwohner-Metropole Montreux. In der Ferne ragen die Zacken des Rochers-de-Naye in den Himmel. Der Zug gleitet oberhalb des Genfer Sees oder Lac Léman durch die Vororte der Stadt. Weinhänge erstrecken sich bis zum Ufer hinunter, an dem sich exklusive Hotels aneinander reihen. Es ist der letzte Zug, der an diesem Abend in den Bahnhof von Montreux (4) einfährt. Pünktlich auf die Minute nach 210 Kilometern auf der GoldenPass Line. Ich beschließe den Tag mit einem kleinen Glas Rotwein auf der Terrasse des Grand Hotels Suisse-Majestic. Neun Franken verlangt der Kellner für das Schlückchen, das mediterrane Klima unter Palmen und den freien Blick aufs Wasser. Und? Nichts als Nebel überm Lac Léman.

Schweiz - Blick über einen Teil der Altstadt von Montreux und auf den Genfer See

Blick über einen Teil der Altstadt von Montreux und auf den Genfer See

 

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Reisemagazin schwarzaufweiss

 

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