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Oslo Astrup Fearnley Museet / Munchmuseum / Nationalmuseum / Vigeland-Museum

 

Oslo
Vigeland-Museum

Parade bis
18,09.2022

Einblicke in die Sammlung
dauerhaft

Vor 50 Jahren wurde der Diskriminierung von Homosexualität in Norwegen ein Ende gesetzt. Das war Anlass, die Kuratoren Bjørn Hatterud und Håkon Lillegravenn zu bitten einen "queeren Blick" auf Gustav Vigelands Arbeiten zu werfen und aus der Sammlung Objekte herauszufiltern, die diesen Blick thematisieren. Dabei werden auch Arbeiten gezeigt, die eher merkwürdig anmuten und ein wenig am falschen Ort. Es sind auch Arbeiten, die nur selten zu sehen sind, ob nun Tischdecken, Holzschnite, Gipsmodule und Servietten, die alle von Vigeland entworfen wurden.

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Ansicht Saal VII Foto Øyvind Andersen

 

Es gibt Ausstellungen, die werfen mehr Fragen auf als beantwortet werden. Auch die Inszenierung der aktuellen Sonderausstellung ist zu hinterfragen. Warum wurde in einem rostrot ausgeschlagenen Raum ein Pool mit entsprechender blauer Kachelung inszeniert? Wieso sind die Sockel für einige Exponate nicht in typischem Weiß gehalten, sondern nehmen David Hockneys Arbeiten zum Swimmungpool auf und imitierenden das in Grün und blau changierende Wasser eines Pools? Was hat ein Pool mit Vigeland zu tun? Vielleicht hätte man eher ein verstaubtes Depot inszenieren müssen, in dem all das gehortet wird, was nicht nur Vigeland nicht für ausstellungswürdig angesehen hat.

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Gipsabdruck Brusttorso Foto Øyvind Andersen

 

Und was bedeutet eigentlich ein queerer Blick auf Vigeland, der sich im Kern mit Paarbeziehungen befasst hat, mit heterosexuellen Paarbeziehungen? Dabei hat Vigeland in seinen Arbeit durchaus die Asymmetrie von Beziehungen im Blick gehabt, hat Schwächen und Stärken bei Männern gesehen, hat Frauen als Beschützerinnen erscheinen lassen. Ja, es gibt auch Darstellungen von Frauen als Paar und von Männern als Paar. Doch ob das nun im Sinne einer homosexuellen Beziehung zu deuten ist, muss wohl offen bleiben.

 

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Gustav Vigeland: Triangel Foto Øyvind Andersen

Das gilt auch für die miteinander ringenden Männer und die beiden sich die Stirn bietenden knienden Männern aus Gips, die Teil der Sonderausstellung sind. Verbirgt sich in diesen Paaren nicht eher Vigelands Blick auf das Toxische der Männerwelt, auf das Machogehabe, auf das Ausspielen von Dominanz, von Herrschaft, von Macht und Unterwerfung? Die frauliche Zweisamkeit findet sich auf der Brunnenanlage im Vigeland-Park, aber nicht in der Sonderausstellung. Überhaupt wird in der Sonderausstellung kaum Bezug auf Vigelands Schaffen und auf die Anlehnung an Auguste Rodin oder Aristide Maillol genommen. Warum eigentlich nicht? Und was bitte schön hat es eigentlich mit den beiden Sitz- bzw. Liegebänken auf sich, auf deren Sockel eine rosa und eine grüne Luftmatratze nebst Handtuch liegen? Badende sieht man bei Vigeland jedenfalls nicht. Selbst die Darstellung der Kinder hat nichts mit einem Bad im kühlen Nass zu tun.

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Foto Øyvind Andersen

Läuft man die Allee zum Brunnen und zum Monolithen entlang, sieht man ausgelassene Erwachsene, die mit ihrem Nachwuchs spielen, unter anderem ein Vater, der seine vier Kleinen auf der Schulter und auf dem Fuß balanciert, eine Mutter, auf deren Rücken Kinder reiten, lachende Mädchen, im Geäst herum kletternde Kinder und Erwachsene. Das alles ist getragen von gewisser Leichtigkeit und unbändiger Lebensfreude.

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Foto Øyvind Andersen


Und worin besteht eigentlich die Vermischung von Hochkultur mit „Volkskultur“, wie im Beiblatt zur Ausstellung erwähnt? Und obendrein noch die Frage nach dem Ausstellungstitel „Parade“? Im Deutschen existieren die folgenden Definitionen: 1. allgemein: festliche, feierliche Aufstellung, Vorbeimarsch, Zurschaustellung, Präsentation; [2. Sport: Abwehr von Bällen, Schlägen, Stichen und Ähnlichem; 3. Sport, Reitsport: Reithilfe zum Anhalten eines Pferdes, zur Aufnahme einer anderen Gangart. Noch am ehesten kann die erste der genannten Definitionen herangezogen werden, insbesondere wenn die Bewertung von Vigelands Werk als „Parade der Heteronormativität“ einsortiert wird. Ist das wirklich der Fall? Lässt sich Vigeland in seinem Schaffen darauf reduzieren? Hat er nicht wie kein anderer, den Sinn für die Wechselhaftigkeit des Lebens in seinen Arbeiten aufgezeigt? Von der Wiege bis zur Bahre spannt sich das bildhauerische Werk Vigelands. Der Tod spielt ebenso eine Rolle wie die Geburt, hier die alte Frau, die sich über ihren sterbenden Mann beugt und dort der Fötus, beides Arbeiten in Bronze und in der Sammlung zu sehen.

Angesichts der Fetischisierung von Jugendlichkeit muss man darauf verweisen, dass sich Vigeland ausgiebig mit dem Alter beschäftigt und das Altwerden und Altsein in seinen Arbeiten dargestellt hat, ob nun ein sitzendes alterndes Paar oder der mit dem Enkel spielende Großvater. Und auch in der Arbeit „Bettler“ spielt das Alter neben dem Gebrechen eine Rolle, sieht man doch einen Blinden und einen Bettelnden, gut an der ausgestreckten Bettelhand auszumachen.

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G. Vigeland: Überrascht Foto Øyvind Andersen


Nur eine ausgestellte Bronze in der Sonderausstellung befasst sich mit dem Verschwimmen der Geschlechtergrenzen. Es handelt sich um die Darstellung von Asta Hansteen, die mit sehr herben Zügen von Vigeland „gezeichnet“ wurde. Sie galt zu ihrer Zeit als umstrittene Feministin, wurde als vermännlicht und unmoralisch charakterisiert. Zu sehen ist sie in einem bodenlangen Mantel (?) und mit einem Schirm in der Linken. Ansonsten müssen sich die Besucher mit Fragmenten aus dem Werk von Vigeland begnügen, u. a. einer abgelegten Hand, zwei riesigen Füßen, dem Brustbild einer Frau, der die Unterarme abhanden gekommen sind. Es scheinen Fundstücke aus dem Depot. Man könnte die ausgestellten Exponate auch als Strandgut aus dem Nachlass eines Künstlers klassifizieren.

Insgesamt bleibt bei dieser Sonderausstellung ein schaler Beigeschmack, muss man die Thematisierung als aufgesetzt ansehen. Nicht jeder Künstler eignet sich, um das Narrativ der Hetereonormativiät zu hinterfragen. Dass den gezeigten Objekten neues Leben eingehaucht wurde, da sie am Beckenrand des Pools ihren Platz finden, Sonnenbaden oder gar miteinander flirten, wie es im Begleittext zur Schau heißt, ist der Fantasie von Ellinor Aurora Aasgaard entsprungen, die das Ausstellungsdesign verantwortet. Überzeugend ist anders!

© Ferdinand Dupuis-Panther

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Einblick in die Sammlung

Nicht nur die Bewohner von Oslo schätzen den Park zwischen Monolitveien, Frogner plass und Madserud Alle und Middelhunsgate, sondern auch die auswärtigen Besucher strömen hierher, um die aus Granit, Bronze und Gusseisen gefertigten Skulpturen und Torgitter von Gustav Vigeland zu sehen. Hauptanziehungspunkt für Besucher ist der Brunnen und der Monolith im Vigelandpark. Im benachbarten Frognerpark sind unweit des Oslomuseums zwei Arbeiten ebenso zu finden wie einige mehr rund um das Vigeland Museet. In ihm werden weitere Großskulpturen und Modelle der Vigelandparkgestaltung, aber kleinere Bronzen und Gipsskulpturen des wohl bekanntesten Bildhauers Norwegens gezeigt.

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Gustav Vigeland Mann wiegt die Frau im Arm, vor dem Vigeland Museet

Wie in jedem Museum ist nur ein Bruchteil des Bestandes öffentlich zu sehen. Zur Sammlung des Hauses gehören 1 600 Skulpturen, 12 000 Zeichnungen und 400 Holzschnitte, dazu noch Pastellarbeiten, Werke in Gusseisen und Holzschnitzereien. Die Sammlung kam zustande, weil Gustav Vigeland mit der Stadt Oslo im Jahr 1919 eine Übereinkunft über den Bau eines Studios erzielt hatte. Im Gegenzug übereignete er alle seine Kunstwerke nach seinem Tod der Stadt als Schenkung. Seit 1950 existiert das Museum, ein Ziegelbau mit markantem Turm, einem Innenhof mit Bühne und Arkaden. Im Turm wird übrigens die Asche Vigelands in einer Urne aufbewahrt.

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Arbeit von Gustav Vigeland im Frognerpark unweit vom Oslo-Museum

Während die Figuren im Vigeland-Park eine gewisse Typisierung aufweisen und sich vor allem in den Gesten und Haltungen von einander unterscheiden, sind gleich zu Beginn des Museumsrundgangs beeindruckende, ausdrucksstarke Arbeiten zu sehen, so die plastische Arbeit mit sieben Gehängten, zu deren Füßen eine verhüllte weibliche Figur kauert. Der Titel der 1898 in Gips geschaffenen Relief-Arbeit lautet in Norwegisch „Rispa sørger over sine hengte sønner“ (dt: Rizpa trauert um ihre erhängten Söhne). Es handelt sich um ein biblisches Thema: David übergibt wegen der Blutschuld Sauls sieben von dessen Nachkommen an die Gibeoniter. Ein weiteres großformatiges Relief mit dem Thema Auferstehung ist gleichfalls im ersten Ausstellungsraum zu sehen.

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Gustav Vigeland "Jauchzende Jungen" im Vigelandpark

Nachfolgend stehen die 1890er Jahre im Mittelpunkt. 1894 entstand die Darstellung einer alten Frau, die sich über ihren im Sterben liegenden Mann beugt. Dieser ist vom Tod gezeichnet und ausgezehrt. Neben einer Ausführung in Gips ist auch eine in Bronze im Museum präsent. Im Gegensatz zu anderen Bildhauern wie Constantin Meunier, der die Muskelkraft von Bergleuten und Dockarbeitern in seinen Werken zur Geltung bringt, ist dies bei Vigelands „Der Arbeiter“ nicht der Fall. Die Schultern des Voranschreitenden sind schmal und abfallend. Eine Trichterbrust erkennt man, trägt doch der Arbeiter wie auch andere Figuren aus den Händen Vigelands keine Kleidung, sondern ist nackt.

 

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Gustav Vigeland: Drei kniende Mädchen vor dem Vigeland-Museet

Zwei Männer, der eine wohl blind und bei dem anderen untergehakt, damit dieser ihn führen kann, sind gleichfalls in der Sammlung zu sehen. Beide sind alt und vom Leben gezeichnet. Der Sehende streckt seine Hand zum Betteln aus, hoffend, dass es für das Essen an diesem Tag reicht. 1908 entstand die Arbeit in Gips und hat sicherlich auch für Furore gesorgt, weil die Darstellung so nachdrücklich das Elend zum Ausdruck bringt. Nur Schritte entfernt stößt der Museumsbesucher auf die erste große Arbeit Vigelands. Sie entstand, als der Künstler 22 Jahre alt war. Zu sehen sind Kain und seine Familie auf der Flucht. So der ursprüngliche Titel. Irritierend ist die Anwesenheit eines Hundes, wohl eines Hütehundes oder eines Cockerspaniels, der sich zwischen die Gruppe der Fliehenden drängt, die Rute zwischen die Hinterläufe geklemmt.

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Gustav Vigeland: Echsenbrunnen im Innenhof des Vigeland-Museet


Liebe zwischen Mann und Frau in verschiedenen Facetten, mit Intimität, Zärtlichkeit und Verlassensein, ist ein wichtiges Thema in Vigelands Schaffen. Dabei ist es nicht stets die Frau, die schwach und schutzbedürftig ist, sondern bei Vigelands bildhauerischen Werken ist es auch der Mann, der Zuspruch und Trost braucht. Man betrachte dazu „Mann und Frau, Anbetung" (1908). Die Frau scheint den vor ihr Knienden zu trösten. Zu den Werken von Paaren gehört obendrein „Der Kuss“, aus Marmor geschaffen. Der Mann hebt seine Partner leicht empor, um sie zu küssen. So verliert die Frau ihre Bodenhaftung und scheint dem Mann gänzlich ausgeliefert zu sein.

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Gustav Vigeland: Eine der Gruppen rund um den Monolithen im Vigeland-Park


1893 lernte Vigeland im Rahmen eines Aufenthalts in Paris die Arbeiten von Auguste Rodin kennen. In Anlehnung an Rodins „Tor zur Hölle“ schuf Vigeland „Die Hölle“, ein großformatiges Relief, das durch die Vielfalt der Personen die Aufmerksamkeit auf sich zieht. Im Saal IV widmet sich das Museum dem Stilwechsel, der bei Vigeland auszumachen ist. Vollere, beinahe organische Formen sind es, die wir wie bei dem Mann, der seine Frau in den Armen wiegt, oder „Mutter und Kind“ nun entdecken können. Die Figuren verschmelzen zu einer Einheit, zu einer gewissen Geschlossenheit. Auch kleinere Arbeiten in Bronze sowie Kopfbüsten sind in diesem Teil der Dauerausstellung präsent. Zu diesen gehört „Der Zweifler“, sitzend und den Kopf aufgestützt, während die „Gespielin“ ihren Kopf auf die Beine des Mannes gelegt hat. Als Bronze sehen wir außerdem den „Fötus“ von 1923. Dabei ist der Fötus so positioniert wie er durch den Geburtskanal das Licht der Welt erblickt.

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Gustav Vigeland: Echse umschlingt eine Frau im Vigeland-Park

In dem in Hellblau gehaltenen Saal V widmet man sich Vigelands Monumenten und Porträts, darunter auch dem Porträt des norwegischen Mathematikers Niels Henrik Abel. Wir sehen in der Ausstellung nur ein Brustbild. Der Kopf ist nach rechts gewendet. Die Frisur gleicht einer „Flammenfrisur“. Das Monument allerdings wurde 1908 im Schlosspark zu Oslo enthüllt. Mit diesem Porträt gelang Vigeland im Übrigen der Durchbruch als Bildhauer. Der Verfasser von Kirchenliedern und Dichter Petter Dass saß Vigeland ebenso Modell wie der Schriftsteller Henrik Ibsen, der allerdings darauf bestand, dass sein Porträt mit Backenbart in drei Sitzungen von je zehn Minuten fertig gestellt sein musste. Ibsen war alt und litt an den Folgen eines Schlaganfalls, als Vigeland ihn bat, für ihn Modell zu sitzen. In Gips gearbeitet ist die Büste von Arne Garborg, einem norwegischen Autor, der sich für die Verwendung von Nynorsk einsetzte. Markant sind das schüttere Haar und der dichte Schnauzbart. Überlebensgroß erscheint Camilla Collett, deren Statue 1911 im Schlosspark Oslo aufgestellt wurde.

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Gustav Vigeland: Monolith, Detail im Vigeland-Park


Nachfolgend bekommt man einen Eindruck über die Arbeitsweise von Vigeland und seiner Steinmetze, über die Umsetzung vom Modell und der Skizze in die Dreidimensionalität der Großskulptur. In den folgenden Sälen entdeckt der Besucher in Gips alle Figuren aus den Figurengruppen und auch Einzelfiguren aus dem Vigeland-Park, so die auf dem Hirschgeweih reitende Frau oder die rücklings auf einem Bären Sitzende. Zudem sehen wir „Frau und Echse“ (1916). Dabei hat man den Eindruck, dass die Echse die halbnackte Frau umgarnt, ihr schmeichelt und sie verführt. Sehr beeindruckend ist das Brunnenmodell, das 1905 bis 1906 geschaffen wurde. Auch der Monolith in drei Teilen ist im Museum zu sehen. Drei Steinmetze benötigten 13 Jahre um den Monolithen zu vollenden, wie man dem Saaltext entnehmen kann. Die ersten der 36 Granit-Gruppen um den Monolithen schuf Vigeland noch eigenhändig, aber anschließend war er auf helfende Hände Dritter angewiesen, um das Werk zu vollenden. Der Monolith seinerseits umfasst 121 Figuren, die sich auf 17 Meter Höhe verteilen, ein wahrlich gewaltiges Opus. Um 1930 entstand schließlich das ausgestellte Modell der Gesamtanlage des Vigeland-Parks mit formalen Beeten und Alleen.

© text und fotos ferdinand dupuis-panther

Info
https://www.nasjonalmuseet.no/en/

 

 

 

 

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