Cerveteri / Tarquinia
Fundstücke im Etruskischen Nationalmuseum Villa Giulia, Rom
„Das Rätsel ihrer Herkunft ist gelöst“, hieß er vor wenigen Jahren und das auch nicht zum ersten Mal! Unzählige Archäologen, Historiker, Sprachwissenschaftler und neuerdings auch Wissenschaftler anderer Disziplinen wie Genetiker der Universität Turin (2007) und des Max-Planck-Instituts für Geoanthropologie in Jena sowie des Senckenberg Centre for Human Evolution and Palaeoenvironment in Tübingen (2021) befassen sich mit der Herkunft, der Sprache und Lebensweise sowie der Geschichte der Hochkultur ohne bisher den goldenen Schlüssel gefunden zu haben. Was den wichtigsten Forschungsgegenstand angeht, die Herkunft, gibt es vielleicht eine Annäherung, wonach im etruskischen Kernland eine Mischpopulation heranwuchs aus autochthonen (einheimischen) Bevölkerungselementen und Zugewanderten aus dem Ägäisraum/westliches Anatolien, gibt es doch für beide Herkünfte gut belegte Forschungsergebnisse.
Altes Museum, Museumsinsel Berlin: Etruskische Schrift, meist linksläufig geschrieben d.h. von rechts nach links. Die Tontafel von Capua (Tabula Capuana) mit dem zweitlängsten überlieferten etruskischen Text.
Unumstritten sind die zivilisatorischen Leistungen der Etrusker, gewiss begünstigt durch die engen Verbindungen zu den hochentwickelten Kulturen Anatoliens und des Nahen Ostens. Ihre Handelsaktivitäten waren weitreichend, mit der Einführung des Pfluges revolutionierten sie die Landwirtschaft, sie beuteten Metallvorkommen aus und beherrschten die Technik seiner Verarbeitung. Sie waren hervorragende Kunsthandwerker, schufen eine frühe Rechtsordnung und leisteten Geburtshilfe beim Aufstieg Roms. Es gab Stadtstaaten und Städtebünde, Könige und eine reiche Oberschicht, deren Rang und Einfluss sich in den imposanten Grabbauten widerspiegelt.
Fundstücke im Etruskischen Nationalmuseum Villa Giulia, Rom
Ab etwa 1000 v. Chr. ist die Existenz der Etrusker in Etrurien, ihrem Kernsiedlungsgebiet in den heutigen Regionen Toscana, Umbria und Lazio nachweisbar. Ihre politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Höhepunkte erlebte das Volk im 8. bis 6. Jahrhundert, zunächst als eine Rom überlegene Macht, die dem damals unbedeutenden Ort am Tiber auf die Beine half, dort Sümpfe trocken legte, Abwasserkanäle und befestigte Straßen anlegte und sogar Könige inthronisierte. Deren Herrschaft trägt freilich ausgesprochen legendenhafte Züge und schließlich wendete sich das Blatt, Rom revoltierte, vertrieb den etruskischen Tyrannen König Tarquinius Superbus und setzte damit der etruskischen Fremdherrschaft im Jahre 509 v. Chr. ein Ende. Von diesem Machtverlust erholte sich das Etruskervolk nicht mehr. Sein Niedergang setzte sich nach etlichen verlorenen Kraftproben mit Rom und anderen benachbarten Mächten beschleunigt fort und führte zu einer Assimilation ins Römische Reich, die im Jahr 90 v. Chr. mit der Verleihung der römischen Bürgerrechte ihren Abschluss fand.
Cerveteri
Die ehemalige Metropole der Etrusker, seinerzeit Cisra genannt, von den Römern später in Caere umbenannt, liegt etwa 33 km Luftlinie nordwestlich von Rom nahe der Küste des Tyrrhenischen Meeres. Das heutige Cerveteri mit rund 40.000 Einwohnern ist von Rom mit Auto oder Bahn gut zu erreichen. Die Nekropole Banditaccia, etwa 3 km außerhalb des Städtchens, soll mit einem Bus erreichbar sein, der aber manchmal ausbleibt. Wenn man Glück hat, erbarmt sich einem ein Taxi oder aber man wandert hinaus, mit Wasser versorgt und guter Kondition auf einer von Pinien umsäumten schmalen Straße auf das Tuffsteinplateau, wo die Etrusker ihre Verstorbenen in einer der größten Nekropolen der Antike beisetzten. Seit 2004 steht sie auf der Liste des UNESCO-Weltkulturerbes.
Stadtbefestigung Cerveteri
Auf unglaubliche 20.000 Gräber aus der Zeit vom 9. bis zum 1. vorchristlichen Jahrhundert schätzen Experten die Grablegungen in der Landschaft um Cerveteri. Sie sind zum Teil in den weichen Tuffstein hineingeschnitten, meist als quadratische Dado- oder Würfelhäuser, die oft Reihen bilden wie Wohnhäuser an einer Straße.
"Reihenhäuser"
Besonders auffällig sind natürlich die oft monumentalen Tumuli-Gräber angelegt. Unter einem Tumulus-Grab versteht man einen künstlich angelegten Erdhügel über einer Grabkammer, hier in Cerveteri mit einem Durchmesser von bis zu 50 m. Nur etwa 10 ha, dem sog. Archäologischen Park, der knapp 200 ha umfassenden Fläche der Banditaccia-Nekropole sind für die Öffentlichkeit zugänglich.
Tumulusgräber
Das Faszinierende an der Begräbnisstätte ist ihre stadtähnliche Anordnung mit Straßen, kleinen Plätzen und Vierteln und vor allem die Ausgestaltung im Innern der Würfel- und Tumuligrabstätten: Sie ist eine getreue Nachahmung der Stadt der Lebenden mit vielen strukturellen steinernen Details, Stühlen mit verzierten Lehnen, Betten, Balken an der Zimmerdecke, Säulen und Fundstücken (Vasen, Geschirr, Schmuck, auch Waffen) bei der Öffnung der Gräber – außergewöhnlichen Zeugnissen der etruskischen Wohnarchitektur, die die Zeiten nicht überdauert hat.
Blick ins Innere eines Tumulusgrabes
Unbedingt einen Besuch lohnt das Museo Nazionale Cerite an der Piazza Santa Maria, das viele kostbare etruskische Funde verwahrt. Das Museum ist im Castello Ruspoli, einer mittelalterlichen Festung untergebracht, die den alten Stadtkern überragt.Tarquinia
Auch die zweite große Nekropole der Etrusker am Ortsrand der kleinen Stadt Tarquinia hat es auf die Liste des UNESCO-Welterbes geschafft. Das etwa 16.000 Einwohner-Städtchen liegt nordwestlich von Rom rund 70 km Luftlinie entfernt und ist über die Autostrada oder mit der Bahn auf der Route Roma-Pisa bequem zu erreichen.
Die mittelalterliche Innenstadt, das Centro Storico, überrascht mit großartigen Wehr- und Kirchenbauten. Nicht weit vom Ortseingang liegt der bedeutende Palazzo Vitelleschi aus dem 15. Jahrhundert, ein Prunkbau, der Stilelemente der Gotik und der Renaissance vereint, noch wichtiger: er beherbergt das Museo Archeologico Nazionale di Tarquinia, eines der bedeutendsten Präsentationsorte etruskischer Funde.
Tarquinia, Palazzo Vitelleschi mit dem Museo Archeologico Nazionale di Tarquinia
Prunkstück des Museums: Die geflügelten Pferde
Bei einem Bummel durch die Stadt fallen die zahlreichen gut erhaltenen Geschlechtertürme ins Auge, die im Hochmittelalter und darüber hinaus einflussreichen Familien als Wohn- und Verteidigungsbauten dienten. Die Stadtmauer – auch sie ein eindrucksvolles Monument mittelalterlicher Sicherheitsvorstellungen – ist fast vollständig erhalten wie auch Kirchenbauten und Palazzi aus dem 12. bis 16. Jahrhundert.
Geschlechterturm
Blick über die Altstadt
Am südöstlichen Stadtrand erstreckt sich das etruskische Gräberfeld, das Tarquinia weltberühmt machte. Das Monterozzi-Nekropole genannte Ausgrabungsgebiet soll ungefähr 6000 Grabkammern umfassen, die zwischen dem 7. und 2. Jahrhundert v. Chr. zumeist in unterirdischen, in das weiche Tuffgestein geschlagenen Höhlen angelegt wurden, von denen etwa 200 phantastische Wandmalereien aufweisen.
Fresko im Grab der Leoparden
Andere Gräber wurden wie in Cerveteri aufgemauert und mit einem Erdhügel überdeckt. Tarquinias Fundstätte, breitet sich auf rund 130 ha aus. Die großformatigen Malereien beschäftigen sich mit den Lebensumständen, Aspekten des Todes und Hinweisen auf religiöse Vorstellungen der alten Etrusker, auch rituelle Kampfszenen sind zu sehen und immer wieder Darstellungen von Banketten. Tiere, Jagd und Fischfang sind wiederkehrende Themen wie auch Abbildungen von Musikanten.
Ringer im Grab der Auguren
Boxer im Grab der Auguren
Tarquinia und Cerveteri sind „Meisterwerke des kreativen Genies“, wie jemand schrieb, die erste städtische Kultur im westlichen Mittelmeer, ein außergewöhnliches Zeugnis der einzigen Zivilisation im vorrömischen Italien.