Reiseführer Rom

268 Tage des Schreckens:
Naziterror in Rom

Bevor deutsche Truppen Rom besetzten, hatte sich die militärisch-politische Landkarte Italiens radikal verändert: Angesichts der erfolgreichen Landung der Alliierten auf Sizilien am 9./10. Juli 1943 und weiterer militärischer Niederlagen Italiens an allen Fronten, sowie schwerer wirtschaftlicher Nöte und wachsenden Vertrauensverlusts, wurde Mussolini am 25. Juli 1943 vom „Großen Faschistischen Rat“ abgesetzt und auf Betreiben des italienischen Königs Vittorio Emanuele III. verhaftet und interniert. Anfang September unterzeichneten konservativ-monarchistisch orientierte italienische Militärs ein Waffenstillstandsabkommen mit der Anti-Hitler-Koalition (hier: USA und GB). Italien verlies also das Bündnis mit Hitler-Deutschland und löste damit den „Fall Achse“ aus, ein Szenario, auf das sich die deutsche Politik vorbereitet hatte: sollte der Bündispartner abspringen oder gar die Seiten wechseln, waren die italienischen Streitkräfte zu entwaffnen, wo auch immer sie sich befanden. Die Nazi-Armee würde in Italien einmarschieren und so geschah es. Am 10. September 1943 besetzten deutsche Truppen Rom und zwei Tage darauf befreiten deutsche Spezialeinheiten Mussolini und brachten ihn ins Führerhauptquartier „Wolfsschanze“ bei Rastenburg/Ostpreußen.

Was in Rom geschah

Ein Sonderzensus der faschistischen Behörden zählte 1938 knapp 13.000 Juden in Rom. Etwa 8.000 von ihnen lebten im traditionellen Quartier, dem ehemaligen Ghetto nahe dem Tiber. Ungefähr 2.100 wurden deportiert und fielen der Vernichtungspolitik der Nazis zum Opfer.

Doch mehr als 10.000 römische Juden überlebten! „Dank der Hilfe couragierter Bürger und Kirchenleute.“ (Andrea Riccardi in: Der längste Winter, Die vergessene Geschichte der Juden im besetzten Rom). Seine Schätzung „Mehr als 4.000 Juden fanden Schutz in Klöstern, Pfarreien und Liegenschaften des Vatikanstaats“ konnte 2023 präzisiert werden, als im Archiv des Päpstlichen Bibelinstituts eine Liste von Personen entdeckt wurde, die in kirchlichen Einrichtungen Schutz fanden. Darin ist von 4.300 Personen die Rede, von denen 3.600 namentlich genannt sind. „3.200 von ihnen waren mit Sicherheit Juden“, wie man nach einem Abgleich mit Dokumenten im Archiv der Jüdischen Gemeinde feststellte.

Cerveteri / Tarquinia

Hauswand im Ghetto

Der erste Angriff auf die jüdische Gemeinde Roms war ein monströser Akt finanzieller Ausbeutung: Am 26. September forderte der SS-Obersturmbannführer Herbert Kappler, Chef der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes (SD) in Rom, von der jüdischen Gemeinde 50 kg Gold, die innerhalb von 36 Stunden abzuliefern waren. Es kam in kurzer Zeit sogar mehr zusammen, doch die Verschonung von Verfolgung und Deportation blieb eine unerfüllte Hoffnung der jüdischen Gemeinde.

Ingeborg Bachmann hielt 1955 in ihrem Stadtportrait fest: „Die Alten erinnern sich ihrer Freunde, die mit Gold aufgewogen wurden; als sie losgekauft waren, fuhren trotzdem die Lastwagen vor, und sie kamen nicht wieder.“

Kappler wurde 1948 zu lebenslanger Haft insbesondere wegen seiner Mitwirkung beim grauenhaften Massaker in den Ardeatinischen Höhlen verurteilt. Seine Strafe musste er in der Festung Gaeta zwischen Rom und Neapel absitzen. 1976 bekam er Haftverschonung, floh 1977 nach Deutschland, wo er wenige Monate später starb.

Der nächste Schandtat ereignete sich am 16. Oktober 1943 als SS-Einheiten unter dem Kommando von Theodor Dannecker das frühere Ghetto umstellten und 1.259 Kinder, Frauen und alte Menschen festnahmen. Von ihnen wurden zwei Tage später 1.023 jüdische Gefangene vom Bahnhof Roma–Tiburtina in Viehwaggons nach Auschwitz-Birkenau transportiert. 15 Männer und eine Frau überlebten das Grauen des Vernichtungslagers und kehrten schwer gezeichnet nach dem Krieg zurück. Dannecker war ein SS-Hauptsturmführer und einer der engsten Mitarbeiter Eichmanns. Nach dem Krieg versteckte er sich einige Monate, wurde aber im Dezember `45 von amerikanischer Miltärpolizei festgenommen und beging am Tag darauf Selbstmord.

Die Besatzer in Rom konnten sich bei der Aufspürung untergetauchter Juden auf die Unterstützung italienischer Faschisten und Denunzianten verlassen, wurden ihnen doch hohe Kopfgelder gezahlt.

Währenddessen litt Rom unter schweren Luftbombardements seitens der Alliierten, die sich langsam von Süden der Stadt näherten. Ziele waren der Güterbahnhof, Industrieanlagen, Bahn- und Nachschubwege und bezeichnenderweise auch das stark kommunistisch geprägte, dicht besiedelte Arbeiterviertel San Lorenzo, wo es über 1.500 Tote zu beklagen gab. „Papst Pius XII. eilte noch am selben Tag ohne Eskorte in das brennende Viertel um den Überlebenden beizustehen – ein ikonischer Moment der Stadtgeschichte“, berichteten Augenzeugen.



Fosse Ardeatine

Ein Verbrechen, das alle bisherigen Untaten in den Schatten stellte, war das Massaker in den Ardeatinischen Höhlen (Fosse Ardeatine). Vorausgegangen war ein Bombenanschlag von Partisanen in der Via Rassella am 23. März 1944. Wie jeden Tag marschierten Südtiroler Angehörige des Polizeiregiments „Bozen“ in provozierender Weise durch die Straßen, als die Sprengkörper gezündet wurden. 33 Angehörige des Regiments fanden den Tod, doppelt so viele wurden verletzt.

Cerveteri / Tarquinia

Via Rassella: "Die Deutschen schossen nach dem Anschlag wild um sich, weil sie einen Anschlag aus den umliegenden Häusern vermuteten. Die Einschusslöcher sind bis heute sichtbar und dürfen nicht renoviert werden."

Stadtkommandant Kurt Mälzer wollte sofort das ganze Viertel in die Luft jagen, konnte aber von anderen hohen Militärs auf einen perfiden Racheakt eingeschworen werden: Für jeden Getöteten sollten zehn Geiseln erschossen werden. Bei der Jagd auf die Opfer, völlig Unbeteiligten an dem Anschlag, wurden auch 75 Juden, die in römischen Gefängnissen inhaftiert waren, zu den Fosse Ardeatine verschleppt und erschossen. Insgesamt brachte die nazistische Vergeltungsaktion 335 Opfern, ausschliesslich Männern und Jugendlichen zwischen 15 und 74 Jahren, einen grausamen Tod. Anschließend sprengten die SS-Leute die Höhlen.

Cerveteri / Tarquinia

Steinsärge der Ermordeten

Heute ist der Ort eine zutiefst berührende nationale Gedenkstätte.

Cerveteri / Tarquinia

I Martiri / Die Märtyrer

Kurt Mälzer wurde wegen Kriegsverbrechen zum Tode verurteilt, aber wenig später zu lebenslanger Zuchthaushaft begnadigt. Er starb 1952 im Zuchthaus Werl (NRW), wo bereits KZ-Aufseherinnen und hohe Militärs einsaßen, darunter Generalfeldmarschall Albert Kesselring, Oberbefehlshaber Südwest der deutschen Wehrmacht und u.a. verantwortlich für Geiselerschießungen und die brutale Partisanenbekämpfung in Italien. Er wurde 1947 von einem britischen Militärgericht zum Tode wegen der Fosse Ardeatine-Vorfälle verurteilt. Seine Strafe wurde später in lebenslange Haft umgewandelt. Wegen seiner schweren Erkrankung wurde die Strafe 1952 ausgesetzt. Er starb 1960 ohne jemals Reue gezeigt zu haben. Sein Handeln in Rom und darüber hinaus sei stets „rechtmäßig“ gewesen. Auch ein anderer, am Massaker beteiligter deutscher Kriegsverbrecher, SS-Hauptsturmführer Erich Priebke, zeigte bis zu seinem Tod 2013 keine Reue. Er wurde 100 Jahre alt, lebte unbehelligt in Argentinien, wurde 1996 aufgespürt und 1998 in Italien zu lebenslanger Haft verurteilt, aber auf Grund seines hohen Alters zu Hausarrest begnadigt. Man hat ihn auf dem Friedhof eines ungenannten italienischen Gefängnisses beigesetzt. Nur seine Familie kennt den Ort.

Das Geschehen um die Fosse Ardeatine stellte die Strategie des Vatikans auf eine harte Probe. Die nahe Zukunft Roms sollte nach den Vorstellungen führender Kirchenkreise etwa so aussehen: Der Machtwechsel sollte unblutig über die Bühne gehen. Man hoffte auf eine friedliche Übernahme der Kontrolle über die Stadt durch die Alliierten, deren Ankunft kurz bevorstand. Weder Roms Bewohner noch die Stadt selbst sollten zu Schaden kommen, unbedingt sollten Guerillakämpfe und Gefechte in der Stadt vermieden werden. Ein Verantwortlicher des Vatikan-Blatts „Osservatore Romano“ äußerte nach einem Gespräch mit Pius XII.: Der Papst mache sich am meisten Sorgen darum, dass infolge der Anschläge und Schießereien (der Partisanen) in allen Straßen Krieg ausbrechen könne; das ist es, wovor er große Angst habe und all seine Vermittlungen sollen das vermeiden. Der „Osservatore Romano“ verurteilte den Anschlag und schrieb „...jeder unbesonnene Akt führt zu nichts anderem als zum Verlust vieler Unschuldiger, die ohnehin schon allzu sehr von Furcht und Entbehrungen heimgesucht worden sind.“

Der militante Widerstand, die Resistenza, sah das etwas anders. Seit September `43 bis in den Mai `45 versuchte sie, durch Sabotageakte und Anschläge die deutschen Besatzer und den faschistischen Nachfolgestaat, die Repubblica Sociale Italiana, einen von den Nazis protegierten Marionettenstaat in Norditalien mit Mussolini an der Spitze zu destabilisieren. Freilich wollte auch die Resistenza nicht, dass die Bevölkerung einen zu hohen Preis zahlen musste. „Dieser Zwiespalt kennzeichnete generell das Vorgehen und die Debatten innerhalb der Resistenza.“

Über die Anzahl der Angehörigen des bewaffneten Widerstands existieren bis heute höchst widersprüchliche Angaben. Kritisiert wird die weit verbreitete Glorifizierung der Partisanenbewegung wie auch die Auffassung, die Resistenza sei eine breite Volksbewegung gewesen und sei gar zum Gründungsmythos der 1946 ausgerufenen Italienischen Republik geworden.

Der 7. April 1944 war ein weiterer Schreckenstag. Die nach dem Attentat in der Via Rassella erneut gekürzten täglichen Brotrationen trieben die Hungernden auf die Straße. So auch im Stadtteil Ostiense, wo eine Gruppe Frauen eine Bäckerei stürmte, die die Besatzer mit Brot versorgte. Herbeigerufene Sicherheitsleute der SS ergriffen zehn Frauen und erschossen sie an Ort und Stelle.

„In den letzten Monaten der deutschen Besatzung sah Rom allmählich wie gewisse indische Städte aus, wo nur die Geier sich sattfressen können und keine Bestandsaufnahme der Lebenden und der Toten mehr stattfindet.“ (Elsa Morante in ihrem „opus magnum“ La Storia von 1974)



Einzelschicksale

Auf sog. Stolpersteine (ital. pietre d`inciampo) stößt man in Rom nicht nur im ehemaligen Ghetto. Die kleinen Messingquadrate auf den Fußwegen vor den Häusern der Verfolgten, erinnern mit wenigen prägnanten Daten an die Opfer nationalsozialistischer Willkür. Ebenso zahlreich sind die Erinnerungstafeln an den Häuserfronten im Zentrum Roms, wo einst jüdische Familien lebten und Kämpfer gegen die Nazi-Barbarei.

Cerveteri / Tarquinia

Piazza di Santa Maria in Trastevere, Gedenktafel für die gefallenen Partisanen des Viertels

Santa Maria degli Angeli e dei Martiri

Die Pavoncellos zählten zu den einflussreichsten Familien der jüdischen Gemeinde mit einem Stammbaum, der weit in die Vergangenheit zurückreichte. Leon P. war der Vater von fünf Kindern.
Viale Giulio Cesare



Santa Maria degli Angeli e dei Martiri

Der oberste Stolperstein berichtet von der Deportation der 2.000 Carabinieri am 7.10.1943 in Lager in Deutschland, Österreich und Polen. „Einige wurden erschossen. Viele starben an Hunger, Krankheiten und Misshandlungen.“ Auffallend häufig taucht der Name Wolfsberg auf. In dem Städtchen in Kärnten hatte die deutsche Wehrmacht das Kriegsgefangenenlager Stalag XVIIIA eingerichtet, dessen Insassen harte Zwangsarbeit leisten mussten.



Santa Maria degli Angeli e dei Martiri

Gedenktafel für Giordano Bruno Ferrari in der Via Margutta 97. Er war Maler und Präsident der Akademie der Schönen Künste in Rom und ein entschlossener Widerstandskämpfer, postum ausgezeichnet mit der Goldmedaille für militärische Tapferkeit. Sein Atelier in der Via Margutta machte er zu einem antifaschistischen Zentrum, das geheime Informationen sammelte, die den Alliierten zugespielt wurden. Im März 1944 wurde er festgenommen, im April zum Tode verurteilt und Ende Mai, wenige Tage vor der Befreiung Roms, von den Nazis im Forte Bravetta erschossen. Obwohl schwer gefoltert, schwieg er eisern.



Santa Maria degli Angeli e dei Martiri

Erinnerungstafel für Domenico Jaforte in der Via della Stelletta 20 im Stadtteil Campo. Er arbeitete als calzolaio (Schuhmacher). Er war organisiert in den kommunistischen Brigate (Brigaden) Garibaldi, deren Anführer Luigi Longo war, nach dem Krieg Generalsekretär der PCI. Jaforte koordinierte die Aktivitäten der Gruppi di Azione Patriottica (GAP), Kleingruppen innerhalb der Brigaden.



Santa Maria degli Angeli e dei Martiri

Die Gedenktafel in der Via della Stelletta 7 ehrt Antonio Giustiniani, damals 42 Jahre alt, Kellner von Beruf. Er sympathisierte mit der Kommunistischen Partei wie auch sein Gefährte Rosario Petrelli, Mechaniker, 26 Jahre alt. Sie wurden in den Fosse Ardeatine ermordet. Arbeitskollegen und Gefährten im Martyrium sowie die Bewohner des Viertels brachten zum ewigen Gedenken die Tafel an



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Santa Maria degli Angeli e dei Martiri

Eine leicht zu übersehende Tafel an der Viale Giulio Cesare / Ecke Via Carlo Alberto della Chiesa erinnert an das Schicksal von Teresa Gullace. Sie lebte mit ihrem Mann Girolamo und fünf Kindern im Vicolo del Vicario / Aurelio, damals eines der ärmsten Viertel Roms. Am 26. Februar 1944 wurde ihr Mann von zwei Carabinieri festgenommen und den Nazis übergeben. Mit Hunderten weiterer Inhaftierter wurde er in einer Kaserne festgehalten, vor der sich immer wieder Angehörige versammelten und lautstark die Freilassung verlangten. Teresa hatte hinter Fenstergittern ihren Mann entdeckt, ging entschlossen darauf zu, beschimpfte den deutschen Soldaten, der sich ihr in den Weg stellte, woraufhin er sie erschoss. Ihr Tod wühlte die Römer auf. Teresa und ihr unerschrockenes Handeln wurden bald zum Symbol des römischen Widerstands. Ihre Geschichte diente als Vorlage für Roberto Rosselinis neorealistisches Filmwerk „Roma, città aperta“ (Rom, offene Stadt) mit der der Teresa nachempfundenen Figur der Sora Pina, dargestellt von Anna Magnani.



Kriegsende

Als die Alliierten schon vor Rom standen, gelang es dem Papst und seinem Verhandlungsteam Generalfeldmarschall Albert Kesselring, „die zentrale Figur der deutschen Besatzungsherrschaft in Rom“, umzustimmen und Rom zu einer „Offenen Stadt“ zu erklären. Damit waren die Einwohner und die historische Substanz der Stadt mit ihren unzähligen Kulturdenkmälern vor Tod und Zerstörung sicher. Der deutsche „janusköpfige“ Botschafter im Vatikan, Ernst von Weizsäcker, soll die Verhandlungen unterstützt haben, doch wird seine Rolle in dieser Zeit als „historisch hochgradig umstritten“ dargestellt. Trotz innerer Distanz zum Regime habe er „loyal im Rahmen seiner Dienstpflichten“ gehandelt.

Während die deutschen Truppen sich kampflos nach Norden absetzten, rückte die 5. US-Armee unter General Mark W. Clark in der Nacht vom 4. auf den 5. Juni von Süden in die Stadt ein.

Die Befreiung Roms durch die Alliierten löste unbeschreiblichen Jubel unter den Römern aus. Am 6. Juni trafen sich riesige Menschenmassen zu einer Feier auf dem Petersplatz, worüber der Journalist und Schriftsteller Carlo Trabucco in seinem Buch La Prigionia di Roma (Die Gefangenschaft Roms) berichtet:

„...Zahlreiche rote Fahnen der Kommunisten, zahlreiche Sozialisten, natürlich auch die Anhänger der Democrazia Cristiana und eine riesige Menge Namen- und Fahnenloser.... und in der Mitte amerikanische und englische, französische und polnische, australische und kanadische Soldaten. Dieses Bild hatte etwas Phantastisches . . .und uns in einen endlosen Rausch versetzt.“





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