Reiseführer Rom

Stazione Termini

Im April 1950 soll der Bahnhof mit Restaurant, eleganten Läden, Bank, Apotheke, Badeanstalt als schönster und modernster Bahnhof Europas fertig sein“, verkündete der „Spiegel“ in seiner Ausgabe vom 16. Juni 1949. Und auch „DIE ZEIT“ huldigte dem neuen Dreh- und Angelpunkt des italienischen Schienenverkehrs mit der Feststellung in ihrer Nr. 34/1953: „Der Bahnhof Roms ist Europas modernste Karawanserei“. Im gleichen Jahr produzierte der legendäre Regisseur Vittorio de Sica mit „Roma, Stazione Termini“ ein, wie es in der Kritik hieß, „psychologisches Kammerspiel vor dem Hintergrund des römischen Hauptbahnhofs“ mit Jennifer Jones und Montgomery Clift in den Hauptrollen.

Rom: Stazione Termini

Stazione Termini


Den in Sichtweite liegenden mächtigen Mauern der antiken Diokletian-Thermen verdankt der Bahnhof seinen Namen „Stazione di Roma Termini“, seit Dez. 2006 mit dem Zusatz „...Giovanni Paulo II.“ Seinerzeit wurde in einer feierlichen Zeremonie im Beisein des römischen Bürgermeisters und zahlloser vatikanischer Würdenträger der Bahnhof dem verstorbenen polnischen Papst Johannes Paul II. gewidmet.

Der zentral an der Piazza dei Cinquecento zwischen Via Marsala (Norden) und Via Giovanni Giolitti (Süden) gelegene Kopfbahnhof (er ist kein Durchgangsbahnhof!) ist seit Jahrzehnten Italiens verkehrsreichste Bahnstation. In Europa rangiert sie an fünfter Stelle. Rund 850 Züge fahren täglich ein und wieder aus und befördern an die 480.000 Reisende, eine Zahl, die sich im Jahr auf ca. 150 Millionen summiert.

Schon zu Zeiten des päpstlichen Kirchenstaats gab es an diesem Ort, am Rande des „klassischen“ Hügels Esquilin, seit 1864 einen provisorischen Bahnhof, dem ein Jahrzehnt später ein Neubau folgte in der damals europaweit bevorzugten neoklassizistischen Bauweise und unter Berücksichtigung der neuesten Technologien. Selbst der großräumige Neubau des Salvatore Bianchi erwies sich schon bald als unzureichend. Das Bahnhofsviertel bot günstigen Baugrund und die Stadt expandierte stetig. Eine Lösung der dadurch hervorgerufenen Verkehrsprobleme wurde immer dringender, doch erst in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts, nach zähen Debatten über eine mögliche Verlegung, einen Ausbau oder Neubau, fiel eine Entscheidung. Mit dem Projekt, einem Neubau, wurde der junge Angiolo Mazzoni betraut, „der bevorzugte Architekt der faschistischen Machthaber“ und einer der Mitbegründer der Kunstbewegung des Futurismus. Mit seiner modernen Architektursprache konnte sich Mazzoni nicht durchsetzen, wohl aber die Traditionalisten in den Entscheidungsgremien, die klassische, monumentale Formen favorisierten. 1939 begannen die Bauarbeiten an den beiden Flügelbauten. 1943 waren sie abgeschlossen und wurden teilweise schon genutzt. Im gleichen Jahr stellte man wegen der Kriegslage und nach dem Fall des faschistischen Regimes die Arbeiten ein.

Rom: Stazione Termini

Südlicher Flügelbau

Der Bahnhof war ein Torso, noch fehlte der Frontbau, das Kopfstück.

Wie es weitergehen sollte, musste 1947 ein Wettbewerb entscheiden, denn man wollte die Vorkriegsplanung nicht einfach fortsetzen. Es sollte ein zeitgemäßer Entwurf werden und das „gewandelte, demokratisch fundierte Staatsverständnis“ zum Ausdruck bringen. Von den eingereichten Entwürfen wurden die zwei siegreichen zu einem Kompromissprojekt zusammengelegt. Im Frühjahr 1948 machte man sich an die Arbeit, im November 1950 war sie abgeschlossen unter Vermeidung monumentaler Anklänge. Entstanden war das siebenstöckige Verwaltungsgebäude mit seinen charakteristischen, schmalen, durchlaufenden Fensterbändern und einer mit Travertin verkleideten Fassade. In starkem Kontrast zu deren betonter Horizontalität präsentiert sich die schwungvoll gestaltete Schalterhalle, dreiseitig durchfenstert und lichtdurchflutet, mit kurvig geformten Dachträgern, die der Halle Höhen zwischen 6 m und 13,50 m vermitteln. Jenseits der Eingangswand kragt die Decke der Schalterhalle als überdimensionales Vordach noch 19 m in den Außenraum vor. Davor liegt der mit grauem Granit gepflasterte Vorplatz. Als dritter Nachkriegsbau nach Verwaltungsgebäude und Vorhalle (Schalterhalle) entstand jenseits des Verwaltungsgebäudes, das von den Reisenden unterquert wird, eine Galerie, eine gläserne Verbindungshalle, die quer vor den Bahnsteigköpfen verläuft, den Reisenden Zugang zu den Bahnsteigen gewährt und zugleich als Passage dient für den Publikumsverkehr zwischen Via Marsala und der Via Giovanni Giolitti.

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Es dominieren Klarheit, Leichtigkeit, Transparenz. Selbst die Monumentalität der beiden Seitentrakte verschmilzt mit der neuen leichten Bausubstanz und lässt die Zugehörigkeit zu zwei sehr unterschiedlichen Vorstellungen in den Hintergrund treten.

Ob mit der Regionalbahn von Bahnsteig 17 nach Frascati, mit der Metrolinie B zum Circo Massimo oder mit dem Leonardo Express zum Flughafen Fiumicino, vielleicht auch nur der gewohnten Zeitung wegen oder um einen heißen, süßen Caffè zu schlürfen und die Zigarillo-Vorräte daheim aufzufrischen – was immer man unternimmt im lautstarken, für uns unfassbaren Getümmel auf allen Ebenen der Stazione: man kommt zu seinem Caffè und auch nach Frascati und fühlt sich – wunderbarerweise – nicht einmal verloren.

(Piazza dei Cinquecento)





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